Keine Interessen

Wenn ich doch nur keine Interessen hätte, dann könnte ich endlich Karriere machen. Eben so, wie meine Freunde es tun.

Meine Dissertation, die ich nur schreibe, um mich von x-beliebigen Bewerbern für eine x-beliebige Stelle abzuheben, meine Dissertation wäre längst fertig, wenn ich nicht ständig ein neues Dokument öffnen und die Gedanken, die mich umtreiben, notieren müsste. Denn eines meiner Interessen ist es ja, mich den Fragen über mich hinzugeben. Und das geht am besten aus dem Danach. Und um im Danach das Jetzt meiner selbst noch fassen zu können, muss ich jetzt, und zwar immer, wenn es jetzt ist, alles notieren, um es dann einer späteren Lektüre zugänglich zu machen, der dann die Auseinandersetzung folgt, die dann meinem Interesse dient: Mich selbst zu verstehen. Aber das dauert ja: stundenlang, tagelang, ein Leben lang, wer soll denn da noch promovieren?

Wenn ich keine Interessen hätte, dann könnte ich in dem Beruf, den ich später mal ausüben werde, viel erfolgreicher sein, ich könnte dann zum Beispiel einfach so abends ins Theater gehen und während des Stücks E-Mails auf dem Handy lesen und beantworten. Ich wüsste dann auch immer gleich bescheid, wenn mich einer braucht und könnte dann kurz rausgehen, um ihn anzurufen und neben der Lösung für sein Problem noch kurz erwähnen, dass ich im Theater bin. Das wirkt sich auf geschäftliche Beziehung ja durchaus nicht schlecht aus. Ich wüsste auch insgesamt öfter, dass mich jemand braucht, wenn ich keine Interessen hätte, denn mein Handy wäre öfter an, nein, es wäre immer an. Es läge neben meinem Teller, auf den man ja schaut, wenn man isst. Es läge neben dem Monitor, auf den man ja schaut, wenn man eine Excel-Tabelle erstellt. Es läge im Auto vor der Geschwindigkeitsanzeige und in der Nacht neben dem Bett. Ich könnte das Handy, wenn ich doch nur keine Interessen hätte, ständig sehen, könnte auf jedes Klingeln sofort reagieren, wenn ich es nicht ständig ausschalten müsste, etwa weil ich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen einen Spaziergang machen muss, um mir über etwas klar zu werden oder weil ich am Abend, weil ich sonst nicht einschlafen kann, noch etwas auseinandersetzen muss oder weil ich das Stück, das ich im Theater sehe, ganz und gar durchdringen will, weil ich wissen muss, was die Theatermenschen aus ihm gemacht haben, nachdem ich mir ja das-und-das dazu dachte.

Wenn ich keine Interessen hätte, dann könnte ich auch vielmehr mitreden. Denn ich könnte mich einfach über das informieren, worüber alle um mich herum immer reden. Das ist jedoch das, worüber mich zu informieren mir keine Zeit mehr bleibt. Weil ich doch Interessen habe und also lesen muss, was mich interessiert. Über die Liebe und das Theater redet ja aber keiner. Und die Textmassen, die es dazu gibt, die sind so groß, dass ich sie nicht schaffen und dann auch noch diese anderen Sachen lesen kann, die, über die man spricht. Schuldenkrise-Quatsch, Neues-Restaurant-Quatsch, App-Quatsch. Ich wäre voll dabei, wenn ich doch keine Interessen hätte.

5 Kommentare

  1. Mila

    Wenn ich keine Interessen hätte, würde ich keine Blogs lesen und auch sonst nicht umherschweifen… Sehr netter Text, gefällt mir, viele Grüße, Mila

  2. Mila

    Was? Verschenkst du jetzt für jeden Kommentar ein Buch von mir? Dann werde ich dich mit Kommentaren zuspammen.
    Nein. Keine Angst. Ich freu mich!

  3. Christoph Knappe Beitragsautor

    Für diesen Schluss war ich zu naiv!
    Nö, ich wollte nur meine übrigen Leser darauf aufmerksam machen, dass eine echte Schriftstellerin einen Text von mir cool findet, um meine Internet-Street-Credibility zu fördern. Herzliche Grüße nach … (Google) … Köln!

  4. Eva

    Wundervoller Text. Ich denke gerade darüber nach das ich endlich einen Grund dafür gefunden habe, warum ich nur wenige Freunde habe. Denn immer wieder wird mir gesagt, ich hätte ja auch viel zu viele Interessen.
    Nun weiß ich endlich warum. Ich brauche mir nun keinen Gedanken mehr zu machen, dass es an meiner Person liegen könnte. Es liegt nur an meinen vielen verschiedenen Interessen…
    Ich danke dir wir schreiben uns …
    Eva

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