Die Lachenden – Wie einer Diskussion über Gewalt und Kultur plötzlich selbst Gewalt widerfuhr

Am Ende einer Diskussion über Moral kann man immer moralische Momente innerhalb der Diskussion nachweisen. Am Donnerstagabend ging es im KW Institute for Contemporary Art in Berlin-Mitte aber um Gewalt in der Kultur und vor der Veranstaltung wäre wohl kaum einer der Anwesenden darauf gekommen, dass auch dieses theoretische Thema unmittelbar real werden kann. Anlass für die Podiumsdiskussion war die aktuelle Ausstellung des Hauses. Unter dem Titel „Fire And Forget. On Violence“ werden dort bis Ende August künstlerische Auseinandersetzungen mit Gewalt gezeigt, die beeindruckende Assoziationen zur Gewalt durch den (NS-, Amerikanischen, Islamischen, Polizei-, u.a.) Staat präsentieren.

Die Diskussion wurde vor gut 200 Gästen geführt, die alters-, klamotten- und meinungsmäßig auf den ersten Blick weitgehend homogenen wirkten. Im Schnitt zwischen 25 und 35 mit Ausreißern in beide Richtungen, so individuell gekleidet und frisiert, dass es auf Außenstehende schnell uniform wirkte und zwischen studentisch und selbstständig mit Tendenz zu queer & Co., wobei sicher niemand gesagt hätte, dass das stimmt, nicht weil queer nicht okay ist, sondern zu weil das zu undifferenziert wäre. Vorne saßen die Schriftsteller und Journalisten Antonia Baum und Marcus Staiger. Die Diskussion mit den beiden sollte angeleitet werden von der Moderatorin Tina Mendelsohn, die eine Woche im Monat auch in der 3sat Kulturzeit zu sehen ist. Passiert ist etwas anderes.

Mit Bunkerknackern irgendwo unten was zum explodieren bringen

Tina Mendelsohn stellte den zwei Diskutanten große Fragen (Was ist Moral, was ist Freiheit für Sie?) und sie stellte Thesen in den Raum (In Deutschland geht es doch niemandem schlecht.). Es fielen Begriffe wie „Flächenbombardement“, „IS“ und „Bushido“ aber die fielen eben immer nur und viel mehr geschah nicht, jedenfalls nicht so richtig, jedenfalls nicht so, wie das ein großer Teil der Zuhörer sich auf der Grundlage der Ankündigung der Diskussion offenbar vorher dachte. Es ging denn auch nur ansatzweise um die Formen, die Gewalt haben kann, etwa physische oder psychische, ein bißchen mehr davon hätte der Diskussion sicher geholfen, vielleicht sogar dabei, nicht umzukippen. Große Teile des Publikums wurden nämlich unzufrieden. Und dass Tina Mendelsohn, wie ihr von einer Zuhörerin, die ihren Wortbeitrag mit den Worten „Mir fehlen die Worte“ einleitete, später vorgeworfen wurde, sich sogenannter Ismen bediente (Sexismus, Islamismus, Faschismus), dass ihre Fragen zu abstrus und die Thesen zu steil waren, das wurde bald zum eigentlichen Thema dieser Zusammenkunft. Viele Zuhörer begannen zu lachen, irgendwann lachten sie laut, lachten die Moderatorin aus, lachten über sie, brachen durch ihre Fragen wie amerikanischer Bunkerknacker durch die Decken unterirdischer Atomanlagen, um ganz unten irgendwas zum explodieren zu bringen. Und ein bißchen gelang das auch. Ein paar mal rang Tina Mendelsohn mit der Fassung. Und den Lachenden war klar, dass die Fragen der Moderatorin keine Fragen mehr waren, sondern allein Ausweis dafür, dass sie aus einer anderen Welt kommen musste, jedenfalls nicht aus dieser, von „Elfenbeinturm“ war die Rede, von der „Kultur-Avantgarde“ und davon, dass sie sich doch mal umschauen müsse. Plötzlich wurden der Fragenstellerin Gegenfragen gestellt, ganz grundsätzliche, wie Wo leben Sie denn eigentlich, die Lachenden hatten einen Feind und der kam aus einer anderen Welt, einer bösen.

Wenn es um Gewalt durch Gruppen geht, dann gibt es regelmäßig vier Kategorien unter den Beteiligten: Den Rädelsführer, den wütenden Mob, das Opfer und die Arrangierer, also jene, die die Dinge neben sich geschehen lassen, im besten Fall gerechtfertigt durch Angst, im schlimmsten Fall gleichgültig wegguckend.

Die Lachenden und die weltfremde Böse

Es reichten nach gut einer Stunde schon halbe Sätze der Moderatorin, um Stoßgelächter über sie auszulösen. Bald kamen die Zwischenrufe aus den dunklen Reihen vor ihr (Schweinwerfer auf die Bühne gerichtet) und die Beleidigungen kam irgendwann sogar von der Mitte der Bühne, wo immer noch Marcus Staiger saß, der der Moderatorin unter anderem mit auf den Weg gab, dass es die Informationen für ein nach seiner Ansicht korrektes Weltbild nun mal nicht in der Bildzeitung gebe (er hat sich später entschuldigt). Bald waren die Rollen verteilt: Tina Mendelsohn, die weltfremde Böse, die die Werte der Mehrheit im Raum nicht teilte, Marcus Staiger, der sich gegen sie auflehnte, die Lachenden, die das Gefecht anfeuerten. Neben den beiden und zwischen den Lachenden: Die Arrangierer, die nicht aufbegehrten, weder gegen Tina Mendelsohn, noch gegen die Lachenden und die erst mal brauchten, um zu verstehen, was da gerade passierte, was das Störgefühl in ihnen auslöste, die es nur spürten aber bevor sie es artikulieren konnten durch die Abmoderation schon befreit wurden.

Reales Opfer, reale Täter

In der 3sat Kulturzeit wurde im März diesen Jahres der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit interviewt (allerdings nicht von Tina Mendelsohn, sondern von deren Kollegin Andrea Meier). Theweleit nimmt sich in seinem gleichnamigen Buch dem „Lachen der Täter“ an und beschreibt es als Spannungsausgleich, der dem Druck der ausgeübten Gewalt gegenübersteht. In der Diskussion im KW Institute for Contemporary Art war das Lachen selbst die Tat. Das Lachen brachte die Metaebene, auf die die Diskussion ausgelegt war, plötzlich zum Durchbrechen. Und erst ganz am Ende, in den letzten zehn Minuten, wurde den wenigen, die den Raum noch nicht verlassen hatten, klar, was da gerade passiert war, dass alle Anwesenden gerade Teil echter Kunst waren, die passierte, die die innere Verknüpfung von Kunst und Leben offenbarte, die echter als Live Performance war, weil von niemandem als solche beabsichtigt, und die mit realem Opfer und realen Tätern, einfach so losknallte, bäm, wie die Backpfeife in der U-Bahn. Die meisten Lachenden waren da schon weg aber das gehörte dazu, Fire And Forget. Wünschenswert wäre es gewesen, in diesem Moment weiter zu gehen, die Moderatorin über die gerade gemachte Erfahrung als Opfer sprechen zu lassen. Aber es war dann ein bißchen wie an einem Abendbrotstisch, an dem man sich austauscht darüber, was da heute passiert ist, draußen auf der Straße. Halb schweigend, halb redend, im Sprechen erst begreifend, verdattert. Die Diskutanten waren schließlich auf drei Ecken des Raumes verteilt und die übrigen Verbliebenen irgendwo dazwischen.

Diskussionen zur Ausstellung „Fire And Forget. On Violence“ werden noch zweimal stattfinden. Am 20. August 2015 mit Rosa von Praunheim und am 27. August 2015 mit Ulrich Matthes. Die Kontinuität zwischen den drei Abenden soll, so die Ankündigung des KW Institute for Contemporary Art, die Moderatorin Tina Mendelsohn herstellen. Das kann man nur hoffen.

Ja, ich habe auch keinen richtigen Bock auf ihn. Ich meine, wie er manchmal labert, so geschwollen und er hat jetzt das und das und er kennt den und den und wenn Du irgendwas sagst, dann ist das bei ihm auf jeden Fall krasser. Aber er ist halt ein guter Kontakt. Das ist was anderes. Und man muss auch immer sehen mit der Zukunft. Ich meine, Du weißt nie, wann man da mal anruft, weißt Du? Man sieht sich halt immer zweimal im Leben und da ist das halt gut, wenn das nicht das erste Mal ist. Verstehst Du? So kaltakquise-mäßig. Und nein, ich finde nicht, dass das richtig ist, dass man immer nur mit Freunden abhängen sollte. Also klar, er ist ein Spast. Aber wenn man immer nur macht, was man für richtig hält, dann weiß man am Ende auch nicht, wo man steht. Verstehst Du? Man muss sich doch irgendwie absichern. So networkmäßig. Also netzwerken. Aber jetzt auch nicht so im Sinne dieser Löcher im Netz, durch die die kleinen Dinge immer durchfallen, sondern so wie die Schnüre, Stärke durch Knoten oder sowas. Sowas schützt ja auch, wenn man mal auf der schiefen Bahn nicht so hundertprozent performt und dafür muss man eben auch mal in den saueren Apfel beißen. So im übertragenen Sinne. Ich meine, es geht doch nur darum, mal ein Bier mit ihm zu trinken. Das ist doch nicht so, dass man sich da gleich total verleugnet. Das finde ich ein bißchen zu heavy, wenn man das so sieht.

Die Stadt, die langsam Schatten auf sich wirft

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Ich kann Dinge unmittelbar. Ich kann mich auf ein Fensterbrett setzen mit einem Bier und einer Zigarette und dabei rausgucken, in den Himmel, wenn er orange, weiß, gelb, blau, grau changierend ist, ich komme nicht rein, gucke durch das Fenster und sage, ja, man müsste das viel öfter machen, man kriegt das gar nicht so mit, man müsste sich viel mehr Zeit nehmen, man verliert den Blick dafür. Ich mache das oft, ich kriege das mit, jedes Mal, ich habe die Zeit, denn alles andere außer Ich ist egal und ich habe den Blick, nicht changierend, sondern geradeaus aus dem Fenster heraus blicke ich in den Himmel zurück. Unter die Wolke, unter der noch eine kleine hängt, in die Sonne, deren Licht die Wolken vor ihr versengt, auf die Stadt, die langsam Schatten auf sich wirft. Herab. Einfach so. Ohne zu denken, man müsste mal.

Maximal zwei Finger breit ist das am hinteren Ende und nach vorne hin wird es immer dünner, spitzer sozusagen, und ist dann ganz vorn so richtig spitz. Und so als Dreieck aus dem Laib heraus legen die das Stück Käse in die Folie und schweißen das dicht. Und so kommt es dann ab in die Theke und ich frag mich, wieso. Das ganze Internet spricht von user experience aber die Käseindustrie sagt einfach ne, auf keinsten. Deutschland erhebe Dich, will man rufen wie es neulich bei der Maut, beim Mindestlohn und bei der Rundfunkgebühr gerufen wurde, ob dafür oder dagegen, das weiß ich jetzt nicht mehr so genau aber das ist auch egal, denn die Kernfrage lautet: Wie soll man von diesem Dreieck eine Scheibe abkriegen? Mein Denken ist scheibenmäßig, also Käse betreffend, Brötchen, Butter, was drauf. Ende der Durchsage. Aber wie soll ich denn von diesem Dreieck eine Scheibe abkriegen. Man nennt das Salami-Taktik, sie machen uns nach und nach mürbe aber die da oben backen keine kleinen Brötchen, nein, mal sehen, was sie als nächstes zusammenwürfeln, Feta-Käse statt Drachme, Sie sagen es, Herr Kommissar, aber auch in Bayern trinkt man jetzt Bier nicht mehr aus blauen Kisten, sondern Sternburg, die innerdeutsche Warenverkehrsfreiheit machts möglich. Prost. Mahlzeit. It’s cosmic, ruft Ötti der Elefant aus dem Ötztal über die verschneite Grenze und das ist nicht das erste Mal.

Man geht dann zu so einem Bäcker und bestellt sich so ein kleines süßes Teil, das sucht man sich aus so einer Auslage aus und dazu einen Espresso. Wobei man in Italien dazu ja caffé sagt. So essen die dort Frühstück. Und man gewöhnt sich daran und man ist dann auch wirklich bis zum Mittag satt. Und dann versteht man das auch, dieses Quirlige der Italiener. Wenn man nicht gleich am Morgen so schwer isst, wie wir Deutschen, dann ist das natürlich klar.

In Lissabon dagegen nennen sie den Espresso Bica. Es gibt kleine Shops, in denen es nur das gibt. Sie trinken den dort ganztags, also etwa wenn sie mit einer Sache fertig sind oder zwischen zwei Sachen, etwa im Einkaufszentrum auf dem Weg von einem Sportgeschäft in ein Elektronikgeschäft. Wenn man so viel Kaffee trinkt, schläft man natürlich schlechter und dann erklären sich natürlich auch die Tränensäcke, die den Portugiesen dann abends in dem Fischrestaurant immer traurig aussehen lassen, wenn er Fado hört.

Der Deutsche neigt nach seinem Urlaub gerne zum Schluss von seinem Eindruck auf das große Ganze. Nicht selten gleicht das einer soziologischen Studie. Dass er auch die Zeit hat, kausale Zusammenhänge zwischen seinen Beobachtungen und den Eigenschaften des jeweiligen Volkes herzustellen, liegt sicher daran, dass es in Deutschland viel kälter ist als in dem Urlaubsland und daran, dass der Deutsche dann auch wieder viel mehr drinnen ist.

Oh stopp. Das ist doch … whow mega meta. Aber egal. Philosophie ist dieses Jahrhundert ja eh Sache der Franzosen.

Ich hatte gewissermaßen unsystematisch abgebissen. Das heißt, also ich hatte zwar schon ein System. Meine Bisse waren immer gleich groß. Aber ich habe mich eben irgendwie verschätzt was die Gesamtgröße des McRib angeht und deshalb war das Stück, das nach dem vorletzten Bissen noch in meiner Hand war, größer, als die Bisse davor – aber auch jetzt nicht doppelt so groß, also so groß wie zwei Bisse, sodass man einfach wieder hätte teilen können, sondern so dazwischen. Und ich dachte, also bevor ich ein Risiko eingehe und das in die Hose geht mit der Soße, wenn die da so raus tropft aus dem letzten Bißchen, das dann ja nur noch in meiner Hand übergeblieben wäre, also bevor das in die Hose geht mit der Soße und ich dann mit dem Zitronentuch so mega-unsouverän zwischen den Fingern rumrubbeln muss, dachte ich, mache ich lieber Klarschiff und nehme alles auf einmal in den Mund. Wenn man mehr im Mund hat, schmeckt man ja auch besser. Und es ist ohnehin ja auch immer ganz schön, wenn man dann später noch was von diesem Geschmack hat. Da stecken ja auch Designer dahinter, hinter diesem Geschmack, Geschmacksdesigner und das ist ja nicht per se schlecht, nur weil das McDonalds ist, also das fände ich zu pauschal. Also ich dachte jedenfalls, ich mach klar Schiff mit diesem etwas zu großen Stück, sauber rein und weg naja und dann ist diese Sache passiert. Sie schaute schnell weg. So als wollte sie die Scham, die augenblicklich aus meinem Bart heraus in mir aufstieg, noch verhindern. Meine Wangen wurden rot von dem Zitronentuch und das hielt eine Weile an. Ob sie das nächste Mal wieder mit zu I love Engtanz kommt, konnte sie noch nicht sagen. Dann kam ihr Taxi zufällig vorbei. Auf jeden Fall hat sie gewunken. Sag ich mal so.

Sie war so schön, dass man ihre Schönheit nicht unbefangen genießen konnte, sondern angestrengt Makel suchte, Mitleid in sich zu erzwingen versuchte, weil das doch schlimm sein muss, wenn andere immer nur auf das Äußere achten, Neid in sich aufkommen spürte, weil die sich ja alles erlauben kann und auf niemanden Rücksicht nehmen muss, an ihrem gleichgültigen Blick kann man es doch sehen, der ist der Beweis dafür, schön, ja, aber in Wahrheit doch nur die Fassade vor innerer Hässlichkeit. So steht man dann da. Und staunt. Über sich und die Mechanismen des Schutzes, die sich einrichten, von alleine in einem, wenn man sich verteidigen will gegen das, was nicht aufkommen soll. Und Du nimmst die Arme hoch, in Abwehrhaltung. Aber da hats schon Peng gemacht und gekracht, wie bei einem Profikiller, zwei Schuss, einer in Deinen Kopf, einer in Deine Brust.

Die Tagung begann am nächsten Morgen kurz after eight: Das aktuell stärkste Oxymoron sei Minzschokolade. Ich war so ummm. Während Schokolade Dich noch warm wie eine selbstgestrickte Decke einhüllt, begrifflich und assoziativ, bläst Dir Minze durch die Maschen doch kühlen Wind auf die Haut wie Thymian-Mirte-Balsam bei Erkältung. Dann schließt Du das Fenster über der Prenzlauer Allee. Es stand auf Kipp und das Handy auf laut. Jetzt ist Windstille. Aber wie gesagt.

Sie schaute schnell weg. So als wollte sie die Scham, die augenblicklich in mir aufstieg, noch verhindern. Ich wischte mir die Knoblauchsoße aus dem Bart. Cuvée heißt Mischung auf kultiviert, dachte ich über das, was ihre Freundin zu ihr sagte, und nahm mir noch eine Serviette.

Ich hielt an zwei Motels in dieser Nacht und erinnere mich nur an das, in dem ich abgelehnt wurde. Wenn ich in Tunesien Asyl beantrage, gibt mir auch keiner ein Hotelzimmer, sagte der von sich selbst sogenannte Portier noch und irgendwas anderes, das auch Teil der Entschuldigung war.

Konfekt hat nichts mit Konfektionsgröße zu tun, also genauso wenig, wie der Schokofleck auf der Bluse mit dem Sofa zu tun hat. Hätte der Fleck was mit dem Sofa zu tun, wäre er nicht auf der Bluse, sondern am Po. DAS GEHT ALSO GAR NICHT! Dieser hier, sehen Sie hin, rief Miss Marple und wies in ihren Ausschnitt, ist Ausfluss eines heruntergefallenen Schokospuckefadens.

Sorry. Es ging nur darum, die These zu verifizieren, dass “5-Gründe-warum-Überschriften” zu mehr Klicks führen.

Falls Du sauer bist, klick fünf mal auf den pinkfarbenen “Random Post anzeigen”-Button. Das Gefühl danach ist dann immerhin so diffus-internet-was-wollte-ich-eigentlich-gerade-mäßig-okay.

“Schatz, ich muss nur kurz ins Bad.”
“Mit oder ohne Radio?”
“Mit.”
“Oh. Ok. Kann ich kurz vorher? Ich muss nur ohne.”

Eigentlich ist es rausgeschmissenes Geld für den Preis. Astrein, rief Andi. Räum Deine Plünnen da weg, schmipfte Susanne. Was ist das für eine Menkenke, fasste Oma zusammen und schlug die Hände über dem Kopf wieder auseinander. Die Upside steht nicht für die Downside. Schwimmbad vollständig ausgebrannt stand auf dem Titelblatt und alle schwiegen. Früher, das war die Zeit, als sich die Frauen das Parfüm noch mit dem Finger hinter das Ohr schmierten. Bogdan versuchte, seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Sch’ leg mein Eid ab. Sollen wir das als Geständnis werten, fuhr der Späti-Verkäufer dazwischen. Wer den Memory-Effekt als Argument benutzt, ist mindestens 30.

Rot ist abhängig von Wolken. Jedenfalls den Sonnenuntergang betreffend. Ich werde eine Verteilersteckdose erfinden, bei der der Schalter nicht an dem Ende ist, an dem das Kabel reinkommt. Es gibt Wechsel, auf die kann man sich verlassen. So wie den der über dem Apothekenschaufenster wachenden Thermometeranzeige mit der Uhranzeige. Ist Überwachung eigentlich schlecht? Das ist eine Ja-Nein-Frage aber keiner beantwortet sie mit Ja oder Nein. Literatur ist die Möglichkeit, Sprachlosigkeit loszuwerden. Eigentlich ist es rausgeschmissenes Geld für diesen Preis. Was die Hamburger an Effizienzgewinnen gutmachen, indem sie „sich“ nicht mehr „an“ etwas erinnern, sondern nur noch etwas erinnern, das schmeißen sie im hohen Bogen zum Fenster wieder raus, wenn sie mit „da nicht für“ Verwirrung stiften, anstatt einfach „Bitte“ zu sagen.

Der Bauer wurde uns beschrieben als Mann mit lila Lada und einem Ohrring mit Dreieck drin. Aber das wäre nicht nötig gewesen, denn er war der einzige, der am Bahnhof stand. Der Bahnhof lag in der Mitte eines Tals im Glarus. Glarus ist eines der drei Kantone der Schweiz, die die schweizerische Tourismusbehörde in dem dicken Band über die Must-Sees der Schweiz unerwähnt lies. Die Strommasten mussten vor ein paar Jahren im Tal abgebaut und in den Hang zwischen die engen Serpentinen gestellt werden. Wegen des Elektrosmoks. Der Bauer fuhr uns den Berg hoch bis zu dem Ort, ab dem man nur noch laufen konnte. Das Handy hatte schon weiter unten keinen Empfang mehr. Wie ruft man einen Arzt hier herauf? Jemand müsste runtergehen. Ab hier, sagte der Bauer, habe man die Straße nicht mehr weiter bauen können. Vielleicht schon, aber das hätte sich nicht rentiert. Kühe standen dort. Wir verabschiedeten uns.

Für das letzte Stück bis zur Alphütte hinauf braucht man 45 Minuten, wenn man sich auskennt. Die Hütte wurde mit dem Rücken zum Berg vor einem aus der Ebene herausragenden Fels errichtet. An der Seite wird sie von meterdicken Wänden aus Stein gestützt, damit sie im Winter nicht vom Schnee zerdrückt wird. Im Winter ist keiner da. Im Ich-frage-Dich-ihr-sagt-nichts-und-ich-gebe-die-Antwort-selbst-Modus gab Rüdiger, der im Sommer hier oben arbeitete, Auskunft. Rüdiger sprach wenig. Man fängt hier oben irgendwann an, weniger zu sprechen. Bei mir ging das los in dem Moment, als mir klar wurde, dass es nicht schlimm ist, dass kein Arzt es in angemessen kurzer Zeit hier herauf schaffen kann. Man überlebt die Dinge doch im Wesentlichen immer. Von rechts nach links lief vor der Hütte ein Bach nach unten. Viele dieser Bäche liefen beim Aufstieg über unseren Weg. Einer der Arme, aus denen sich der Bach speiste, drang seit irgendwann durch die steinerne Rückwand der Hütte in den hinteren Raum und irgendwo an dessen Seite wieder nach draußen. Seitdem wird der hintere Raum als Kühlraum für die Lebensmittel benutzt. Dort stand auch ein badewannengroßer Bottich aus Kupfer, in dem früher, als die Kühe noch gemolken wurden, Käse gemacht wurde. Warum Kupfer?, fragte Rüdiger ohne dass wir etwas sagen sollten. Weil da nichts anklebt, antwortete er. In dem Raum vorn in der Hütte stand der Ofen. Dort wurde gegessen, gesprochen und geschlafen. Im unteren Stock des Doppelstockbettes braucht man eine Decke mehr als oben. Zwischen dem vorderen Raum und dem hinteren, durch den das Wasser floss, war die Hütte an den Seiten offen, sodass von der einen Seite zur anderen die Wolken durch die Hütte hindurch zogen. Wir waren in den Wolken und darüber. Zwischen den Räumen lagerte das Holz. Daneben stand der Fressnapf von Pepe, dem Kater, der der vorherigen Saisonkraft gehörte. Sie musste plötzlich weg wegen eines Todesfalles. Pepe war unterwegs, als sie ging und er überlebte die Zwischenzeit bis zu Rüdigers Ankunft.

Rüdiger gab uns Schuhe, die man einfetten musste. Die Frösche waren so langsam, dass man sie in die Hand nehmen konnte. Als wir von der Hütte aus noch weiter aufstiegen, nahmen wir kein Wasser mit, sondern tranken aus Bächen. Der Ofengeruch unserer Kleidung überdeckte bei stehendem Wind den der Wiesen. Beim Blaubeerenpflücken roch man es auch. Der Nebel, zu dem eine Wolke wird, wenn man in ihr steht, hielt unsere Haare nass. Das Salz, das auf die großen Steine geworfen wird, damit es die Kühe ablecken können, wurde von Rüdiger in einer roten Esprit-Tüte transportiert. Der Käse kam von der Nachbaralp. Die Salami, das Weißbrot und die Fleischwurst brachte der Bauer mit dem dreieckigen Ohrring im lila Lada alle zwei Wochen aus dem Supermarkt zu dem Ende der Straße. Bio-Müll?, fragte Rüdiger. Was ihr Bio-Müll nennt, antwortete er, das kommt bei uns in den Bach. Mitte September, wenn abgezäunt wird und die Kühe dem Bauer talabwärts folgend die Alp verlassen, wird der Restmüll mit dem Hubschrauber abgeholt. Am Mittwoch gibt es immer einen Sammelflug, an dem man sich beteiligen kann. Da kommt man dann bei 30 bis 40 Franken pro Flug raus. Das kann man schon machen. Das geht aber nur für Transport, nicht für Menschen. So einen Extraflug wie mit der abgestürzten Kuh im Juli macht die Versicherung. Sonst wäre das nicht wirtschaftlich.

Der Freund von Max und Louise hatte zu seinem Geburtstag eingeladen und die Getränke wurden knapp, denn es kamen auch die, die nur auf Vielleicht gedrückt hatten. Max und Louise waren schon früh da und mit ihrem Platz zwischen Garderobe und Wohnzimmer zufrieden. Dass man sich das mal klar machen müsse, sagte Max nur halblaut und wies Richtung Wohnzimmer, dass man das echt mal checken muss, dass über all diese Leute hier vollständig ausgewertete Profile bei Apple und Google und so liegen. Er zeigte auf Louises iPhone. Hier! Und dass mit all diesen Profilen Kohle gemacht wird. Aber keiner macht sich das bewusst. Die Leute sagen einfach ja, ich hab ja das und das davon und sehen gar nicht, welchen Preis sie zahlen. Ihre Identität! Max hob die Stimme und den Zeigefinger. Es geht um nicht weniger als einen selbst. Sag ich mal. Die Leute verschenken ihr Ich an die Konzerne. Das ist Sklavenhandel 2.0, Du bist die Ware, die Du hergibst, nicht mal verkaufst, sondern verschenkst. Und anders als die Afrikaner früher werden die digitalen Sklaven noch nicht einmal gezwungen, sich den Amerikanern zu unterwerfen. Willst Du noch ein Bier, rief der Freund von Max und Louise von hinten. Max nickte erleichtert. Ein Glück, dass noch was da ist. Ob Roger noch komme, fragte Louise und Max zuckte mit den Schultern. Kein Plan, ich warte schon die ganze Zeit auf die blauen Häkchen aber er scheint keinen Empfang zu haben. Aber so richtig wichtig sei ihm Rogers Anwesenheit auch nicht. Wer sich so doof anstellt. Versetz Dich mal in die Lage seiner Freundin, Max hob die Stimme wieder an. Da ahnst Du nichts Böses und dann grinst Dich dein Freund auf Tinder an. Wie dumm muss man sein, sich mit dem original Facebook-Profil anzumelden. Ok ich muss. Max wischte die Erinnerung auf seinem Handy zur Seite und gab Louise einen Drücker. Meine Sleep Cycle App sagt, dass ich die längste Tiefschlafphase habe, wenn ich vor zwei im Bett bin und weniger als drei Bier trinke. Schlaf ist mir wichtig. Louise nickte und schaute Max an. Mir auch. Man muss schlafen, bevor man aufwachen kann.

Jetzt ist auch wieder gut. Den Bloggerinnen fällt keine neue Variante mehr ein, mit der sie die vielen freien Parkplätze pointiert, ein bisschen frech und ohne versteckte Fremdenhassterminologie für ihre Komme-von-hier-wo-Du-hingezogen-bist-Profilierungs-Posts fruchtbar machen können (dass man zur Weihnachtszeit in Berlin ungeahndet queer-parken kann, hat komischerweise noch keiner formuliert aber das hat sich mit diesem Klammerzusatz jetzt auch erledigt).

Sicher: Es ist schön, eure Heimat auf Instagram mittlerweile auch sehen zu können und nicht wie früher, sozusagen damals, sozusagen von kurz nach dem Krieg bis letztes Jahr ungefähr nicht nur aus kryptischen Anleihen zu Dingen, die man hier nicht kennt, aus euren Facebook-Posts und Tweets herauslesen zu müssen. Im Bild ganz vorn: Münster (wie groß ist das bitte und trifft mein digital gewonnener Eindruck zu, dass im Wesentlichen jeder Zugezogene von dort hierher zog?), Biberach ok, Bonn ja gut, Eglisau in der Schweiz war auch dabei und besonders schön; allgemein viele Ort auf „-au“; ein bisschen Thüringen aber relativ wenig. Besonders prägnant (im Sinne von bedeutungsschwanger): je präsenter das Wort „Berlin“ im Username, desto größer die Distanz zwischen Standort des Users und Stadt an Weihnachten.

Jedenfalls bzw. however, wie wir ab nächste Woche wiedervereint sagen: Bevor wir jetzt die Frage aufwerfen, ob die Teilnehmerzahl der Berliner Pegida-Demonstration (fünf) auch was mit eurer Abwesenheit zu tun hat (ich halte das nicht für wahrscheinlich), sollten wir klären, warum sich die Wiederkehr lohnt: Es ist gerade relativ mild und ruhig. Sozusagen schön. Die Wiederkehr wäre zudem ein Akt der Fürsorge: Denn die supply chain stockt. Denkt doch mal nach: Man kann überhaupt keinen Döner mehr essen ohne euch (weil die Spieße genauso dick sind wie immer aber länger drehen müssen, um alle zu werden). Die Abwesenheit der Zugezogenen führt zu hygienischen Missständen in der Berliner Gastronomie. Gastronomie-Astronomie, Raum-Zeit-Kontinuum-mäßig wird klar: Es ist Zeit! Es gibt Raum. Und zwar nicht nur zum Parken. Wenn die Schranken schließen vor den Bahnübergängen eurer Hauptstraßen, wenn es heißt, Achtung, Tür schließt (sagt die Regionalbahn das auch?), dann: einsteigen bitte!

Der Beckenbodenkurs war fürn Arsch, schrie Johanna. Kreise können nicht schief hängen, rief Mike und schlug die Nägel in die Küchenwand, zwischen denen die Topfdeckel hängen sollten. Goethe hat nie den Literaturnobelpreis bekommen und in Köln ist es zur selben Zeit dunkler als in Berlin. Wenn man sie anstarrt, fragen Barfrauen häufiger als andere, was man will.
Sag ihm, ob ich nach vorne oder hinten kommen soll.

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Kausalitäten I

Ich höre selten zu. Das ist sozusagen immer nur solange der Fall, wie die Dinge was mit mir zu tun haben und das ist selten bei den Dingen, von denen die Leute erzählen der Fall, denn die Leute reden ja im Wesentlichen von sich. Das wissen die Zuhörer am besten, sie sind die, die Fragen stellen, was man ja nur kann, wenn man weiß, worum es geht, also nicht per se, aber damit es gute Fragen werden, Fragen, über die die Leute später sagen, Mann, der kann gut zuhören, damit es solche Fragen werden, muss man schon ziemlich gut zuhören aber ich komme eben nicht aus Neukölln. Ich kann aber nicht nur im Gespräch wenig fragen, sondern kann auch nichts sagen, wenn mich einer fragt, wie ich den Text finde und das Lied auf Englisch ist. Denn aus England komme ich schon gar nicht. Ich verstehe zwar Englisch aber keine englischen Lieder, die gehen so durch, wie wenn einer nicht von mir spricht. Ist ja auch nicht meine Sprache aber das ist glaube ich nicht der Grund. Diese Sprache, in der ich überwiegend, also auslandsaaufenthaltabhängig, nicht denke, sondern, wenn überhaupt, dann mal spreche, wirkt im englischen Lied nur wie ein Zusatzgedudel, als Extraklimbim quasi, das also wie gesagt nur so durchgeht wie die Leute, die im Laufen von sich sprechen und im Café, aber nicht wie Sprache als Zusatz zum Ton, wie wenn ich singe. Also könnte man sagen. Aber ich kann dann ja nichts sagen, sondern immer bloß die Schulter zucken, wenn es um Text in englischen Liedern und die anderen Dinge, von denen ich nicht viel verstehe und vor allem nicht um mich geht.

Und dann bist Du plötzlich der Täter. Stehst vor einer Skulptur aus stehenden Kindern. Also sagt man Dir. Aus sechs Kindern, die mit dem Rücken zu Dir mit ausgestreckten Armen an einer Wand stehen. Erkennst Du. Und Du begreifst: Du stehst gar nicht vor, sondern hinter den Kindern, Du bist der Polizist, der auch mit ausgestreckten Armen dasteht. Aber Deine Arme werden schwer von der Waffe, die sie runter ziehen und Deine Finger werden taub, von den Drohungen, die Du rufst. Du zielst auf die Kinder und sie zittern und noch ein letztes Mal für heute kommst Du raus aus dem Moment, denkst kurz an die, die von der Skulptur aus stehenden Kindern und von eindrucksvoll und so sprachen und fragst Dich, was geht mit so einem Mann, der ich gerade bin, was muss passieren, dass der so etwas machen kann, die Kinder schauen Dich nicht an aber Du ihnen in den Rücken und Du assoziierst sie mit Symptomen, warum der Mann bei denen ansetzt, fragst Du dich, wenn doch die ganze Welt von der Bekämpfung von Ursachen spricht und Du erkennst, dass nur Du, der Polizist, der Kreisausbrecher sein kannst: Die Kinder sind zu jung, das, was man System nennt, ist zu diffus, nur Du allein kannst … was machen? Was ist dieses Ausbrechen, von dem alle immer reden? Und dann lässt Dich das, was die anderen Skulptur aus stehenden Kindern nennen, da stehen und nach der Lösung für ein Problem suchen, das Du noch nicht mal richtig fassen kannst und Du erkennst, dass Du nicht von der Skulptur aus stehenden Kindern mal eben für den Moment zu dem Mann gemacht wurdest, der mit der Waffe auf Symptome zielt, sondern dass Du irgendwie seit immer schon dieser Mann bist, und nie ausbrichst, sondern Dich weiterdrehst, wie das Proseccochen in Deinem Kopf, noch eins bitte, und dass Du, seit alles sich irgendwie in den immer selben Bahnen zu drehen begann, wartest, bis Dich was raushaut, rausbricht aus dem Kreis, aber Du drehst dich nur schneller im Kreis, das ist das Glück, dass die nächste Proseccorunde Dir beschert aber nichts haut Dich raus, Du hoffst noch, noch ein Glas, aber es geht schief. Wie bei jedem Dschum. Du machst den Polnischen und stehst wenig später ganz klar da. Vor Dir nur noch die Straße, gerade, auf die sich die gesamte Vernissage verengt, wenn Du erkennst, dass die Straße in beiden Richtungen nicht vor einer Wand endet. Wie Du. Sondern offen ist. Wie das, was gerade mit Dir gemacht wurde. Nicht von einer Skulptur, die irgendwie steht. Sondern von großer Kunst. Die dich bewegt.

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Hinweise: Hier gibt es ein Bild der Skulptur. Daten zur Ausstellungseröffnung: Iris Kettner – Inecht | 11. September 2014 | 19.00 Uhr | Haus am Lützowplatz

Und dann dachte ich, es ist vielleicht besser, wenn ich einfach keinen Bananensaft mehr trinke. Ich meine, den mochte ich früher ja auch nicht. Und wenn das jetzt plötzlich anders ist, also dachte ich, dann bedeutet das ja, dass sich auch mit mir etwas verändert hat und jeder weiß ja, dass man süß als Reiz irgendwie anziehend findet, also sozusagen die geschmacklichen Höhen und Tiefen, wenn man dement ist, dass sich das dann also verstärkt und man das auch daran eben erkennen kann, dass einer krank ist. Aber das geht natürlich nur in eine Richtung, verstehen Sie? Also ich kann natürlich dement werden und dann deshalb Bananensaft trinken. Aber ich kann nicht aufhören, Bananensaft zu trinken und dann weniger dement sein. Aber was soll man dann tun? Womit soll man denn aufhören, um weniger dement zu sein? Das ist ne fucking Einbahnstraße und Du kannst Dich noch nicht mal dagegen entscheiden, in sie einzubiegen, sondern wirst einfach gedrückt, gepusht, to the limit, bis das Opfer wieder stabil ist und dann, die Karriere verbaut, schwere KV und am Ende kommst Du nicht mal Knast, weil so ein Spast was davon faselt, dass Du zwiegespalten bist, so von der personality her und dass Du Wahnvorstellung hast. Hundesohn.