Ich höre selten zu. Das ist sozusagen immer nur solange der Fall, wie die Dinge was mit mir zu tun haben und das ist selten bei den Dingen, von denen die Leute erzählen der Fall, denn die Leute reden ja im Wesentlichen von sich. Das wissen die Zuhörer am besten, sie sind die, die Fragen stellen, was man ja nur kann, wenn man weiß, worum es geht, also nicht per se, aber damit es gute Fragen werden, Fragen, über die die Leute später sagen, Mann, der kann gut zuhören, damit es solche Fragen werden, muss man schon ziemlich gut zuhören aber ich komme eben nicht aus Neukölln. Ich kann aber nicht nur im Gespräch wenig fragen, sondern kann auch nichts sagen, wenn mich einer fragt, wie ich den Text finde und das Lied auf Englisch ist. Denn aus England komme ich schon gar nicht. Ich verstehe zwar Englisch aber keine englischen Lieder, die gehen so durch, wie wenn einer nicht von mir spricht. Ist ja auch nicht meine Sprache aber das ist glaube ich nicht der Grund. Diese Sprache, in der ich überwiegend, also auslandsaaufenthaltabhängig, nicht denke, sondern, wenn überhaupt, dann mal spreche, wirkt im englischen Lied nur wie ein Zusatzgedudel, als Extraklimbim quasi, das also wie gesagt nur so durchgeht wie die Leute, die im Laufen von sich sprechen und im Café, aber nicht wie Sprache als Zusatz zum Ton, wie wenn ich singe. Also könnte man sagen. Aber ich kann dann ja nichts sagen, sondern immer bloß die Schulter zucken, wenn es um Text in englischen Liedern und die anderen Dinge, von denen ich nicht viel verstehe und vor allem nicht um mich geht.

Und dann bist Du plötzlich der Täter. Stehst vor einer Skulptur aus stehenden Kindern. Also sagt man Dir. Aus sechs Kindern, die mit dem Rücken zu Dir mit ausgestreckten Armen an einer Wand stehen. Erkennst Du. Und Du begreifst: Du stehst gar nicht vor, sondern hinter den Kindern, Du bist der Polizist, der auch mit ausgestreckten Armen dasteht. Aber Deine Arme werden schwer von der Waffe, die sie runter ziehen und Deine Finger werden taub, von den Drohungen, die Du rufst. Du zielst auf die Kinder und sie zittern und noch ein letztes Mal für heute kommst Du raus aus dem Moment, denkst kurz an die, die von der Skulptur aus stehenden Kindern und von eindrucksvoll und so sprachen und fragst Dich, was geht mit so einem Mann, der ich gerade bin, was muss passieren, dass der so etwas machen kann, die Kinder schauen Dich nicht an aber Du ihnen in den Rücken und Du assoziierst sie mit Symptomen, warum der Mann bei denen ansetzt, fragst Du dich, wenn doch die ganze Welt von der Bekämpfung von Ursachen spricht und Du erkennst, dass nur Du, der Polizist, der Kreisausbrecher sein kannst: Die Kinder sind zu jung, das, was man System nennt, ist zu diffus, nur Du allein kannst … was machen? Was ist dieses Ausbrechen, von dem alle immer reden? Und dann lässt Dich das, was die anderen Skulptur aus stehenden Kindern nennen, da stehen und nach der Lösung für ein Problem suchen, das Du noch nicht mal richtig fassen kannst und Du erkennst, dass Du nicht von der Skulptur aus stehenden Kindern mal eben für den Moment zu dem Mann gemacht wurdest, der mit der Waffe auf Symptome zielt, sondern dass Du irgendwie seit immer schon dieser Mann bist, und nie ausbrichst, sondern Dich weiterdrehst, wie das Proseccochen in Deinem Kopf, noch eins bitte, und dass Du, seit alles sich irgendwie in den immer selben Bahnen zu drehen begann, wartest, bis Dich was raushaut, rausbricht aus dem Kreis, aber Du drehst dich nur schneller im Kreis, das ist das Glück, dass die nächste Proseccorunde Dir beschert aber nichts haut Dich raus, Du hoffst noch, noch ein Glas, aber es geht schief. Wie bei jedem Dschum. Du machst den Polnischen und stehst wenig später ganz klar da. Vor Dir nur noch die Straße, gerade, auf die sich die gesamte Vernissage verengt, wenn Du erkennst, dass die Straße in beiden Richtungen nicht vor einer Wand endet. Wie Du. Sondern offen ist. Wie das, was gerade mit Dir gemacht wurde. Nicht von einer Skulptur, die irgendwie steht. Sondern von großer Kunst. Die dich bewegt.

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Hinweise: Hier gibt es ein Bild der Skulptur. Daten zur Ausstellungseröffnung: Iris Kettner – Inecht | 11. September 2014 | 19.00 Uhr | Haus am Lützowplatz

Und dann dachte ich, es ist vielleicht besser, wenn ich einfach keinen Bananensaft mehr trinke. Ich meine, den mochte ich früher ja auch nicht. Und wenn das jetzt plötzlich anders ist, also dachte ich, dann bedeutet das ja, dass sich auch mit mir etwas verändert hat und jeder weiß ja, dass man süß als Reiz irgendwie anziehend findet, also sozusagen die geschmacklichen Höhen und Tiefen, wenn man dement ist, dass sich das dann also verstärkt und man das auch daran eben erkennen kann, dass einer krank ist. Aber das geht natürlich nur in eine Richtung, verstehen Sie? Also ich kann natürlich dement werden und dann deshalb Bananensaft trinken. Aber ich kann nicht aufhören, Bananensaft zu trinken und dann weniger dement sein. Aber was soll man dann tun? Womit soll man denn aufhören, um weniger dement zu sein? Das ist ne fucking Einbahnstraße und Du kannst Dich noch nicht mal dagegen entscheiden, in sie einzubiegen, sondern wirst einfach gedrückt, gepusht, to the limit, bis das Opfer wieder stabil ist und dann, die Karriere verbaut, schwere KV und am Ende kommst Du nicht mal Knast, weil so ein Spast was davon faselt, dass Du zwiegespalten bist, so von der personality her und dass Du Wahnvorstellung hast. Hundesohn.

Das war halt so, dass wir erst gesagt haben, ja, wir machen das. Und wir hatten auch nen Plan, also einen, der war vollständig und nicht nur so halb oder so, so waren wir nicht, denn wir wussten ja, davon gibt es genug. Und dann haben wir gesagt okay er macht die Beats und ich schreib die Texte und sie macht die Voice, so halt jeder entsprechend seiner Talente gemäß und sie hatte echt sone bitchy Art Mann das hätte bombe in jeden Video gepasst, naja und seine Beats waren genauso, also ich sag mal von dem her echt schon perfekt und es war jetzt auch nicht so, dass ich nichts schreiben könnte, ja, also ich hab ja gesagt, dass ich das mache und so und ich hätte es auch gemacht, nur ich sag mal auch, das geht halt am besten, also eigentlich nur, wenn die richtige Stimmung da ist, verstehst Du, so vom Mind her und ich sag mal wie sie schon immer geguckt hat, also allein, wenn sie auf Toilette war, sie hat sich aufgeführt, als wäre sie in einen Hotel naja und er, ich schwör, er war verliebt in sie, wie er ihr immer alles durchgehen also erlaubt hat, übertrieben behindert, wenn sie sagt Basecap sorum dann er macht sorum, verstehst Du, also echt so auf die schlechte Art.

Er hat einfach weiter gesprochen. Ich verstand kein Wort von dem, was er in einer Mischung aus 90% Polnisch, 8% Spanisch und 2% Englisch erzählte. Aber er erzählte, 20 Minuten lang, ab und zu warf seine Frau ein englisches oder spanisches Wort ein und so redeten wir immer fort, ich nur Ja und Nicken und I understand und er, bin ich mir am Ende ziemlich sicher, erzählte von der Arbeit, von seiner Küche und dem Essen, von seinem Sohn, der zwei Schürfwunden am Kopf hat und im Krankenhaus ist wegen eines Sturzes in der U-Bahn und vom Krieg und der Narbe unter dem alten BWM-Basecap auf seinem Kopf, die daher rührt und ich fragte nicht ihn, sondern nur mich, warum er so frei weiter plapperte, obwohl ich doch nicht erst nach zwanzig Minuten oder immer mal wieder zwischen durch, sondern von Anfang an die ganze Zeit nichts verstand und verstand ja doch ab und zu was und schüttelte er mir die Hand und gratulierte, als ich lawyer antwortete und wir lachten beide, viel, auch seine Frau manchmal mit, denn man muss ja einfach lachen, wenn einer lacht. Seit 44 sind sie in Amerika und dann kam der Bus. Und dann waren sie weg. Deshalb standen wir auch noch 18 Minuten weiter zusammen unter dem Dach, als der Regen vor 20 Minuten schon nach zwei Minuten wieder aufhörte und ich nur glaubte, dass es keinen Grund gab, jedenfalls nicht mein Verstehen, um hier weiter neben mir zu verharren , Rolltasche und Tüten in der Hand, der Bus lies die Seite hinunter und die zwei waren weg, nur ein ok, kein bye bye, kein Lächeln, zwei Rücken, die von Rolltasche und Tüte vor sich her in den Bus geschoben wurden, eine schöne Erinnerung.

Ich sagte: Das war vor zehn Jahren noch nicht so.
Und dachte: Das ist ein Erwachsenensatz.
Und dachte weiter: Den kenne ich schon aus der Kindheit.
Und erkannte: Jetzt ist sie endgültig vorbei.

Wenn die Sonne blendet, dann kneife ich seit einer Weile meine Augen nicht mehr zusammen. Um die Falten nicht noch tiefer um meine Augen zu ziehen. Ich reiße sie auf, die Augen, und trinke viel Wasser, zweieinhalb Liter am Tag, um die kleinen Furchen zu füllen, von innen, sie aufzuschwemmen, nass, denn Falten sind Risse und Risse haben mit Trockenheit zu tun, die es nicht gibt, wo man gießt. Und wenn meine Lehre beginnt, dann kaufe ich mir gute Creme.

Dass sie das fragen müsse, hat die Ärztin gesagt und dass sie damit nichts sagen wolle und man das jetzt auch noch gar nicht könne, weil erstmal abzuwarten sei. Wie das und das andere zu verstehen war, fragten wir uns danach. Und ob wir die richtige Antwort gaben. Dann drangen wir nach draußen, vor die Tür auf den Flur, wo keine anderen Besucher waren und Du nicht neben uns lagst wie ein Gegenstand, wie ein Objekt, über das man so verhandelt. Meine Kleine, hab ich Dich am Ende genannt, bevor ich ging. Ich kam noch mal rein, etwas war noch nicht fertig, noch nicht gesagt, noch nicht getan und dann streichelte ich Deine Schläfe und küsste sie dreimal. Ich nahm Deine Hand, als sie am Lacken zog und Deine Finger schlossen sich für ein paar Momente um meinen, ich verstand das als Zeichen von Dir an mich, nein, ich fragte mich, ob ich es als ein Zeichen von Dir an mich verstehen durfte und ich sah Dich an und Deine Augen sahen in die Richtung, aus der der Schlag kam, das sei normal, sagte die Ärztin vorhin, ich hörte Dich atmen, das klang ganz normal und dann piepste das Gerät wieder und dann verstummte es wieder, ich sagte nicht mehr als Tschüß, meine Kleine und dann wollte ich nicht, dass es endgültig klingt, also verabschiedete ich mich auf Morgen und merkte schon, dass ich morgen nicht kann und fügte an, vielleicht auch bis übermorgen und dass ich alles probieren will, was möglich ist, um zu kommen, das werde ich auch, ich versprach es Dir und mir ob es ein Zeichen von Dir an mich war, ich weiß es nicht und das ist auch nicht egal, auch dann nicht, wenn alle behaupten, Du bekämst eh nichts mehr mit, selbst wenn es so wäre, bin ich doch nicht nur für mich da, nein auch für Dich, so wie Du es damals warst, als ich vier, fünf, sechs, sieben Jahre alt war.

(…)
Wenn Du nicht leer bist, sondern S-Bahn fährst, Kaffee trinkst, Dich aufregst und wieder runter kommst und dann schlafen gehst und darüber das Schreiben vergisst. Dann hast Du zwar viel gemacht aber bald ist das dann weg, denn man erinnert sich ja nicht mehr dran und eine Sache, an die man nicht mehr denkt: die war ja nie da. Ohne Ohr, das es hört, kein Geräusch. Ohne Mensch keine Welt. Ohne Bewusstsein kein Objekt. Könnte man denken. Dachten schon viele. Und die Dinge würde sagen: Fickt euch doch, ihr Philosophen, wir sind auch ohne Menschen da.

Aber die Dinge sagen ja nichts. Sondern überlassen die Deutung uns.

“Mama, ich hab Hunger.”
“Finja, magst Du dem Luca von Deiner Reiswaffel abgeben?”
“Die zwei sind so süß zusammen.”
“Total!”
“Mama, ich mag noch bieler.”
“Dass der Luca das B so mit dem V vertauscht, das finde ich irgendwie … total spannend.”
“Ich hab gelesen, das ist wohl typisch.”
“Aha, interessant. Whow, schau mal da links das Feld. Das sieht ja wahnsinn aus. Fast wie ein Desktophintergrund.”
“Whow! Unser Wochenende auf dem Reiterhof fand ich btw echt megaschön.”
“Ja, ne? Und fast drei Tage komplett offline. Das denkt man echt nicht mehr heute, dass sowas noch geht.”
“Total. Stell Dir vor, was die Leute aus der Kita denken, wenn die bei Whatsapp sehen: zuletzt online Freitag 17:30.”
“Stimmt, witzig. Du, sag mal magst Du dann über die Schönhauser Allee fahren? Die Finja und ich, wir brauchen noch Agavendicksaft.”
“Klar, aber wollt ihr den Luca mit rein nehmen? Dann würde ich kurz eine rauchen.”

Die Leute meinten alle, auf der Party sei noch irgendwas voll abgefahrenes passiert. Aber keiner wollte es mir sagen. Und ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern.

Ich komme nie nach Hause. Denn ich bin von dort nie weggegangen. Auf dem Land, das habe ich von Bekannten gehört, auf dem Land, da lacht man über Menschen wie mich. Ich habe nie die Welt gesehen. Ich kenne nur den Ort, aus dem ich komme. Ich bin nie draußen gewesen, nie um-, nie ein-, nie ausgezogen. Ich bin nie auf dem Weg nach Hause aus einer Regionalbahn gestiegen und ich habe nie an einem Bahnübergang gewartet, an den ich auch denke, wenn ich mich an die Kindheit erinnere. Ich habe niemandem je Rechenschaft darüber abgelegt, warum ich irgendwann weg bin, kenne keinen, der mir sagt, dass ich älter aussehe, als früher und ich verabschiede mich von niemandem bis nächstes Jahr.

Ich wohnte mal in der Wilhelm-Pieck-Straße und nun, seit kurz nach der Wende, in der Torstraße. Und ich fühle mich zurückgeblieben. Jedes Jahr. Wenn die Bekannten aus der Arbeit und aus dem Park und aus dem Café und aus dem Yogakurs und aus dem Späti und aus dem Ausland sich eine Woche später über die leeren Parkplätze hier und all das austauschen, was sie zwischen den Jahren dort, zu Hause, erlebt haben. Wenn sie kurz vor Silvester, denn dann sind sie alle wieder da, lachen und schimpfen und nebenbei von der Welt erzählen und gemeinsam, darauf kommts an, gemeinsam feststellen, dass es nun auch wieder gut ist und auch wieder reicht und dass es schön ist, wieder hier, wieder zurück, wieder in Berlin zu sein, in diesem Moment fühle ich mich zurückgeblieben. Denn ich bin der, der in der Zwischenzeit hier blieb. Mitten in Berlin. Wartend, nur einen Moment. Bis ich für alle wieder der bin, der von hier kommt. Für mindestens ein Jahr.

Der Wikipedia-Artikel über Guttenberg enthält 286 Fußnoten. Wer Dinge aus Prinzip tut, hat aufgehört, über sie nachzudenken. Wenn das Akkordeon unter der Brücke über der Spree verstummt, geht keiner mehr drunter durch.

Gastbeitrag von meinem guten Freund Carl Winter

Wie jeden Dienstag bin ich auf dem Weg in die Praxis. Die Eingangstür befindet sich gegenüber einer Bushaltestelle und immer, wenn ich die Klingel drücke statt den Schlüssel zu zücken, komme ich mir entlarvt vor. Für die Zeit, in der ich warte bis der Summer ertönt, blinkt ein riesiges Leuchtschild über meinem Kopf: sie hat einen Knall.

Die Praxis liegt in der zweiten Etage in dem Altbauhaus. Das Licht im Hausflur funktioniert bis zur ersten Etage nicht. Es kommt mir vor, als wiese das auf meine Absicht, zu verschleiern, wohin ich muss, erst Recht hin. Ich fühle mich ertappt: erst hierhin zu müssen, dann es verschleiern zu wollen.

Im Flur stehen zwei Stühle und vergilbte Magazine der Süddeutschen Zeitung hängen in einem Drahtgestell an der Wand. Meine Vorgängerin wäscht sich gerade die Hände. Oder die Tränen aus dem Gesicht. Sie kommt aus dem Bad und wir begrüßen uns freundlich. Dabei schauen wir uns kurz in die Augen, um die Gründe für das hiesige Zusammentreffen zu finden. Sie sieht so normal aus. Dann geht sie und ich bin allein in dem Flur, gehe ins Bad, um mir eines der Taschentücher aus dem Zahnputzbecher zu nehmen und in meinen Ärmel zu stecken. Das ist meine Vorbereitung auf den Termin.

Dann setze ich mich auf den Stuhl und ziehe ein Magazin aus dem Drahtgestell. Das Papier ist schon matt, porös und hat die Spannkraft verloren. Ich blättere die gebogenen Seiten um, konzentriere mich aber auf die Geräusche aus dem Zimmer. Sie fasst nun vermutlich die Stunde meiner Vorgängerin zusammen. Mit jedem Geräusch hoffe ich, etwas über sie zu erfahren. Als sie das Fenster schließt, weiß ich, dass ich dran bin.

Jesko ist einer dieser Menschen, die sich über die ständige Verwendung des Wortes Manufaktur aufregen. Jesko mag Männer nicht, die der vermeintlichen Klasse wegen Zigarillos rauchen anstatt Zigaretten. Jesko mag es auch nicht, selbst die Rolles eines sogenannten echten Mannes zu übernehmen. Denn das bedeutet, dass er nur auf der Seite der Badewanne mit dem Metallding sitzen kann, sobald er in einer festen Beziehung ist. Jesko stellt den Wecker so, dass die einzelnen Zahlen in der Quersumme sieben ergeben aber das ist keineswegs ein Zwang, würde er sagen, würde ihn jemand danach fragen, sieben ist vielmehr nur eine harmonische Zahl. Manchmal kann sich Jesko nur noch an die Eselsbrücke erinnern aber nicht mehr an das, woran sie ihn erinnern soll. Jesko gibt immer alles und nie auf. Jesko ist auch schwul. Aber das ist für ihn kein Thema.

Geschrieben Ende August im Bus auf dem Weg von Detroit nach Toronto. Gelesen Anfang September 2013 im Nuyorican Poets Cafe, New York, NY 236 East 3rd Street.

#1 poem

Five minutes eyes closed:
Sky blue, no clouds.

I’m writing down this line,
Head up, grey all around.

Phone rings, “it’s me”,
Who else would it be?

Talking about the weather?
No, I do not agree.

I hang up, just like that,
You call back.

Talking becomes serious,
We’re not used to that.

You come around to rescue,
what we’ve got.

But my eyes tell you
Before I can: That you can’t go for something
That you just pretend.

Five minutes eyes closed:
Sky blue, no clouds.

I’m writing down this line,
Head up, grey all around.

My watch reflects the sunlight
Towards your chair.

It’s pointing at you. Ticking.
But you’re still there.

Coming back from the kitchen,
I see you reading through my phone.

Supposing, who the enemy could be.
Switch it off, Baby.
Our enemy is me.

Tommi brauchte eine Story. Ohne Story keine Reportage. Ohne Reportage kein Platz an der Axel-Springer-Akademie. „Eine dunkle, bitte.“ Seit Tagen stand Tommi am Alex, stopfte Bratwürste in sich hinein und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts. In ganz Berlin nicht. Und die Bewerbungsfrist lief. „Kann ich lieber das andere Brötchen?“ Die Geschichte musste Lokalkolorit haben. Das war Tommis Riesenvorteil gegenüber den unzähligen anderen Bewerbern. Den musste er ausschöpfen. „Noch ein bisschen mehr Senf, bitte.“ Es war seine Stadt. Er wurde in Berlin geboren. Er kannte die Ecken und Winkel. Er hatte Zugang zu den wirklich wichtigen Geschichten. Undercover die Probleme kleiner Leute aufdecken wie Peter Zwegert. Oder Günther Wallraff. Das ist es doch, dachte Tommi. „Sag mal,“ Tommi hob die Stimme wieder an, „ist das nicht super heiß da den ganzen Tag mit dem Grill vorm Bauch und der Gasflasche auf dem Rücken?“ Der Grillwalker zuckte mit den Schultern. Man dürfe eben nicht in der prallen Sonne stehen.

Am nächsten Tag stand Tommi selbst auf dem Alex mit einem Grill vor dem Bauch und einer Gasflasche auf dem Rücken. Es könnte doch sein, dachte Tommi, dass alle Grillwalker auf dem Alex in Wahrheit investigative Journalisten sind. Man sieht doch, wie sie durch die Gegend starren und auf eine Geschichte warten. Tommi trat in den Schatten. Grillwalker am Alex explodiert, die Überschrift stand. Unachtsamkeit, ultraorthodox. Bis auf ein U enthielt die Überschrift bereits alle Vokale. Tommis Suche nach einer sprachlich ausgewogenen Ursache war beschränkt.
„Pass uff.“ Tommi spürte einen festen Griff auf seiner Schulter. „Hör zu, Zarter. Das ist ne ziemlich unsichere Gegend hier. Und Sicherheit kostet. Stunde ein Pfund.“ Ein Pfund? Tommi verstand nicht. „Zwanzig Euro, Du Spezialist. Spezialtarif, weilde neu bist. Ick komm in vier Stunden wieder. Dann krieg ick von dir hundert Steine.“ Hundert? „Wegen Aufnahmegebühr. Und jetzt Attacke. Sonst knallts.“

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Der Publizist Chris Wolf war von dieser Geschichte inspiriert und hat aus ihr ein schönes Bild gemacht. (Dankeschön!)

Wann kennt man jemanden nicht mehr? Es gab eine Zeit, da kannte uns niemand so gut wie wir. Wir waren mal ein Paar, liefen fast jede Nacht zusammen die Schönhauser runter. Oft war einer von uns, mal Du, mal ich, so besoffen, dass der andere ihn  halten musste. Wir arbeiteten von mittags bis nachts an unserem Traum. Und dann hast Du diese Kopfentscheidung getroffen, so hast Du sie damals genannt. Einen Monat lang hatte ich Bauchschmerzen, wenn ich an Dich dachte, dann traf ich meinen Mann.

Und irgendwann begann ich, von Dir zu lesen. Erst Berliner Woche dann Tagesspiegel dann Tagesschau. Schauspieler des Jahres. Bekannt dafür, seine Rollen umzuschreiben.

Einmal fragte mein Mann, ob wir in einen Deiner Filme gehen. Er mag den Hauptdarsteller, findet den irgendwie cool. Im Friedrichstadt Palast war neulich eine Premiere und Du liefst über den roten Teppich und ich auf der anderen Straßenseite von der Arbeit nach Hause. Ich wohne immer noch hier. Du mal hier mal da, steht auf Wikipedia. Wie würdest Du mich finden, wenn Du das wolltest? Und warum stellen sich alle Fragen nur in Deine Richtung? Nur-ich-und-Du, nie Du-und-ich.

Ich denke an Dich als entgangene Chance. Wenn man nicht mehr zusammen ist und vom anderen nichts mehr hört, dann vergisst man auch die Eventualitäten. Aber das erlaubst Du mir nicht, wenn Du mich von dem Poster über dem Bett meiner Tochter aus ansiehst. Die Zeit in Berlin habe Dich geprägt, zitiert Dich Spiegel Online. „Damals ist viel Wichtiges passiert.“ Viel Wichtiges. Zum ersten Mal bin ich Teil einer Kategorie. Damals. Sprichst schon von mir aus dem Danach. Würde das auch gerne können. Ab wann kennt man jemanden nicht mehr?

Halb sieben aufstehen. Ich denke mir immer was dabei, wenn ich mich morgens anziehe. Das hängt natürlich von der Stimmung ab. Und oft spüre ich diese latente Morgengeilheit. Und dann will ich, dass man das sieht, erkennt, sich seinen Teil über mich denkt. Halb acht nackt, und dann glänzende Leggings und High Heels, yeah, und ich schaue die Typen an und erst eine Sekunde zu spät wieder an ihnen vorbei. Und dann wird die Frau vor dem Büro von der Straßenbahn überfahren. Und dann stehst Du da. Weißt nicht wohin, kannst nicht zurück, zitterst am Tisch und verdrückst die Tränen vor den Kollegen nicht, lässt sie raus, aus Dir heraus, von innen kommen sie, aus dem Inneren, fallen auf das Äußere, fallen drauf, prallen von der Leggings ab, von der Leggings und ihrem Glanz, der halb neun mit Dir nichts mehr zu tun hat.

Ich will mich seit ich es kenne so fühlen wie dieses Mädchen, dieses eine, in Philo kommt es immer zu spät. Ich will so sein wie sie, will diesen Lebensstil, diese Herangehensweise an alle Dinge, das Tragische im Blick und den Gedanken, ihren Gedanken, hier irgendwie falsch zu sein. Ich find das so cool, ich merke, wie sehr das so ist wie ich und endlich habe ich herausgefunden, wie es geht. Ich muss dafür baden gehen, möglichst oft, muss Kippen rauchen, in der Wanne, und Weintrinken, auch oft, muss Musik hören, vor allem das muss ich mir angewöhnen, und muss beim Musikhören dann starren: an die Wand aus Fliesen, und muss dem Rauch beim Wallen zuschauen: erst auf, die Wand hoch, dann hinab, die Wand hinunter, in die Wanne rein, ungebremst vom Schaum, das muss ich machen, dann werde ich mich so fühlen wie sie. Falsch in dieser Welt und irgendwie the-cure-disintegration-mäßig.

Vom widersprüchlichen Umgang der Digital Natives mit den Late Adoptern

Eine seltsame Geschichte: Ein paar Menschen entdecken eine Insel. Bald sind sie sich sicher, dass ihr Umzug auf diese Insel ihre Leben schöner und besser gemacht hat. Deshalb rufen sie laut zum Festland rüber, dass alle Menschen von dort auf die Insel ziehen sollen. Die Menschen vom Festland zögern erst. Doch dann machen sie sich auf den Weg. Schon bald, in tiefen Gewässern, bringen Strömungen und Strudel sie aber in große Gefahr. Einige von ihnen gehen immer wieder unter und kommen nur mit größten Anstrengungen voran. Und jetzt kommt das Seltsame: Anstatt den Menschen zu helfen, das neue Land zu erreichen, stehen die Inselbewohner lachend am Strand und bewerfen sie mit Steinen.

Dass die Inselbewohner die Menschen vom Land dazu auffordern, ihnen nach zu ziehen, um sie bei dem Versuch sodann im Stich zu lassen, ist widersprüchlich. Dieses Verhalten ist jedoch gar nicht so selten. Es begegnet uns fast jeden Tag. Und zwar im Netz.

Es sind vor allem die Lobpreisungen der lauten Stimmen von dort, die immer öfter auch offline Gehör finden. Dieser Tage verkündet Sascha Lobo die Neuerfindung des Buches im Internet. Wenn es nach Apple ginge, würden alle Kinder mit Podcasts unterrichtet. Und die Macher sozialer Netzwerke wie Facebook oder Elitepartner fordern uns auf, alles Zwischenmenschliche in Kabelschächte zu verlegen.

All diesen Ansätzen ist eines gemein, nämlich der Aufruf, von offline Richtung online zu wechseln. Übertragen auf die seltsame Geschichte von oben könnte man sagen, die Anführer der Inselbewohner stehen schon am Rand des Netzes und rufen laut aus ihm heraus: Kommt alle rein!

In der seltsamen Geschichte ging es damit weiter, dass die Menschen vom Land diesem Aufruf folgten. Und das lässt sich außerhalb der Geschichte ebenfalls beobachten. Auch in Zeitungen aus Papier wird über Sascha Lobos digitale Bücher berichtet. Die ersten Lehrer beginnen damit, ihre Kinder an iPads zu unterrichten. Die Digitalisierung schreitet voran. Und die Anführer der Landbewohner verhindern sie nicht, sondern fördern sie. Angela Merkel hat, als Chefin der Landbewohner, dabei im vergangenen Sommer vor den Gefahren gewarnt, die auf dem Weg ins Neuland lauern. Anfang Oktober hatte nun auch der Tatort, ein Gradmesser für die auf dem Land relevanter werdenden Themen, das Netz zum Gegenstand. Dass er vielen Menschen das Thema näherbrachte, die bislang kaum etwas davon wussten, belegt bereits die hohe Einschaltquote. Schließlich haben sogar Offline-Ikonen wie Rainer Brüderle klassische Stammtischtätigkeiten wie den Wahlkampf auf Facebook-Profile ausgelagert.

Aber wie reagiert das Netz darauf, dass die Menschen von draußen sich nun auf den Weg in es hinein machen? Richtig, man erinnere sich nur an die Inselbewohner von oben: Angela Merkel erntete aus allen Ecken nur Hohn und Spott. Dass sie noch nicht angekommen war, dass sie die Sprache der Inselbewohner noch nicht perfekt sprach, dass sie noch kein Digital Native war, sondern als Late Adopter offenbar als nicht integrierbar gelten musste, genügte, um an der Pforte abgewiesen zu werden. Den Tatort-Machern ging es nicht besser. Auch sie ernteten nur Häme für all die kleinen und, glaubte man den Netzbewohnern, unverzeihlichen Fehler. Der Wahlverlierer Rainer Brüderle sah sich schließlich gezwungen, ganz umzukehren auf seinem Weg zur Insel. Er löschte sein Profil, als der Spott strafrechtlich relevant wurde.

Es scheint einen Freibrief auf der Insel zu geben: Wer nicht von Anfang an dabei war, über den darf gelacht, der darf mit Steinen beworfen werden. Dass sein Versuch der Annäherung Kraft kostet und mit den Hürden und Fehlern, die jeder Wechsel birgt, verbunden ist, wird nicht gewürdigt. Wer mit einer Sache neu anfängt, der kann sie nicht so gut wie einer, der sie schon ewig macht. Dies zu ignorieren und sich inzestuös gegen alle Neuankömmlinge zu stellen, ist en vogue und – so scheint es – ein probates Mittel der Inselbewohner, sich ihrer selbst, der eigenen Web-Credibility und der Coolness ihrer Idee zu versichern. Dabei widerspricht dem missionarischen Aufruf aus den eigenen Reihen nichts mehr, als das.

Die Klingel des Aufzugs macht keinen Klang. Einen Ton schon. Aber der ist so hell, dass er eher ein Leuchten ist.

Ich bin seit fast fünf Jahren im Bettenturm der Charité. Ich laufe viel, denn zwischen der Information und der Lieferantenauffahrt gibt es keinen Aufzug. Nur eine halbe Treppe nach unten.

Ich wasche mir oft die Hände. Denn mir kommt hier mit der Zeit alles immer schmutziger vor. Keinen Türgriff kann ich anfassen ohne Ekel. Und wenn ich mal auf die Publikumstoilette gehe, weil unsere wieder kaputt ist, dann spüle ich die Pisse der Besucher aus dem Pinkelbecken, damit sich meine eigene nicht mit ihr vermischt.

Unsere Intensivstationen sind nicht nach Krankheiten sortiert. - Falsch: Nicht unsere. Es sind die Intensivstationen der Charité, die nicht nach Krankheiten sortiert sind. Immer wieder mache ich diesen Fehler. Und manchmal, wenn ich mit dem Gefühl, kein externer Dienstleister zu sein, sondern dazu zugehören, den Satz wie aus der Pistole auf einen Besucher abschieße, dann lachen die umstehenden Ärzte und Schwestern mich aus. Nicht laut. Aber ich sehe es um den Mund.

Vorhin nickte der Bezirksleiter Nord-Ost mir vom Aufzug aus zu, bevor er nach oben fuhr. Unser Auftrag wurde neu ausgeschrieben. Ob Securitas ihn noch mal bekommt ist unklar. Aber in einem Technikpark in Weißensee ist eine Nachtschicht frei geworden.

Da stehen Sie ein Leben lang im Lichte der Öffentlichkeit. Irgendwann fällt es Ihnen auf: Ihr Wort hat Gewicht. Man ruft Sie an und fragt Sie nach Ihrer Meinung über die Dinge, die passieren. Sie werden gedruckt, Bilder von Ihnen erscheinen im Fernsehen, man beginnt, Sie zu zitieren, zu karikieren und Sie erkennen wenig später als Ihre Beobachter, dass Sie relevant geworden sind.

Und dann lesen Sie so halb im Ruhestand die Zeitung, deren wichtigste Redaktion Sie jahrelang leiteten und die sich danach mit Ihnen als Hausautor schmückte. Und immer wieder begegnen Ihnen in dieser Zeitung die Nachrufe. Die für die Bosse im Wirtschaftsteil in der Mitte, die für die Künstler im Feuilleton davor, die für die Päpste und Politiker ganz vorn.

Und aus der jahrelangen Arbeit in den Redaktionen wissen Sie, dass die Nachrufe alle fertig sind, bevor die Toten sterben. Melden sich die Toten nochmal zu Wort, bevor sie gehen, dann wird ein Satz ergänzt. Deckt einer ein lange gehütetes Geheimnis aus ihrer Vergangenheit auf, kommen zwei Sätze dazu. Aber der Haupttext wird irgendwann nicht mehr geändert. Der steht und steht dann da und dann sind Sie sozusagen im Wesentlichen fertig.

Zum Tode von, fängt die Unterüberschrift immer an. Und beim Lesen des zigsten Nachrufs kommt sie Ihnen: die Frage danach, wann Ihr Name die Unterüberschrift abschließt. Gehalten vom Stock schleichen Sie durch die Gänge des Verlagsgebäudes. Ein Nachrufe-Regal, in dem Sie schmulen könnten, gibt es nicht mehr. Und Sie haben keine Ahnung, auf welcher Festplatte Ihr Nachruf bereit liegt, um mit einem Doppelklick geöffnet zu werden, wenn sie die Augen schließen.

Und keiner redet mit Ihnen darüber und man fragt sowas ja auch nicht. Wie eine letzte Überraschung, eine, die Sie nicht miterleben können, ist sowas. Unzählige Male waren Sie in Redaktionssitzungen dabei, wenn es um die Verteilung des Auftrags für den und den Nachruf ging.

Wann wurde Ihrer verteilt? Als Sie den dritten Preis verliehen bekamen? Als Sie die Bronchitis hatten vor vier Jahren? Als Sie sich in Italien eine Auszeit nahmen? Der da, der mit den grauen Haaren, der schaut auf und gleich wieder weg. Ist er der Verfasser? Wird Ihr milder Gruß ihn erbarmen, noch ein herzliches Wort hinzuzufügen? Werden am Tag danach genügend Zeilen zur Verfügung stehen, damit er das Wort nicht wieder tilgen muss? Nur eins ist klar: Ihr Nachruf, der ist da. Und er kommt raus, wenn Sie es nicht mehr sind. Was wird sein Verfasser denken, wenn er Sie lebend an sich vorbeigehen sieht und die Datei aus Pietät schnell schließt? Was wird er denken bei dem Doppelklick, mit dem er die Datei bald wieder öffnen wird?

Sie schreiben ein Leben lang an Ihrem Leben, ohne einen einzigen Absatz zu wählen, oder auch nur einen Buchstaben zu setzen. Wenn dieses Wort die Lebenden nicht so verwirren würde, könnte ich transzendent zu alledem sagen. Aber zu greifen, was vor sich geht im Bewusstsein der anderen wenn das eigene Bewusstsein erlischt, das gelingt wohl nur uns. Jenen, die gehen.

Heimkehr
in fünf Szenen.

< Personen

FRANZ
ANDRES
HANDWERKSBURSCH
CHINUKKIN
LOCKIGE FRAU
BLACKY-OLLE
MILF >*

* Personenverzeichnis vom Herausgeber. Der Dramentext folgt der letzten überlieferten Handschrift H 4. Namen sowie Figurenbezeichnungen wurden nach Maßgabe von H 4 vereinheitlicht. Veröffentlichung des fragmentarisch gebliebenen Manuskripts auf Anregung Georg Böhms:

***

1. Szene

Der Zapfenstreich geht vorbei, Andres voran.

ANDRES. Siehst Du die Chinukkin dahinten? Auf 17:00 Uhr. (…) Von mir aus gesehen. Alter. Nicht 19, sondern 17, Junge.
FRANZ (nach einer Pause). Krass. Optik Alter.
ANDRES (geheimnisvoll). Hammer Fahrgestell. Wie bei Youporn.
FRANZ. Ich sag dir, die Asia-Weiber gehen richtig ab.
(Arbeitslücke von ein bis zwei Leerzeilen)
HANDWERKSBURSCH. Aber da weißt Du auch nicht, was Du dir einfängst.

2. Szene

Buden. Lichter. Volk.

HANDWERKSBURSCH (starrt in die Gegend). Alter, die mit den Locken dahinten.
ANDRES. Lecker, Orient-Style.
FRANZ. Alter, vergiss es Mann. (Ihn ansehend mit Ausdruck.) Wer hat schon Bock auf Achsel.
HANDWERKSBURSCH. Was?
FRANZ (keck). Na wegen Jungfrau bei der Hochzeit.

3. Szene

Es kommen Leute.

FRANZ. Guck mal da, die Blacky-Olle.
HANDWERKSBURSCH (tritt vor ihn). Das ist ein Arsch.
ANDRES. Und wie die tanzen kann.
HANDWERKSBURSCH. Ja aber Du musst sehen: Die hatte definitiv schon mal einen Schwarzen.
ANDRES (verschüchtert). Stimmt.
FRANZ (verstimmt). Definitiv gesperrt, die Alte.

4. Szene

Wirtshaus.
Die Fenster offen, Tanz.
Bänke vor dem Haus.

HANDWERKSBURSCH. Ey, die Milf da hat mich gerade krass angestarrt.
FRANZ. Ist die geil. (Mit Würde.) Solche Weiber gibt’s nur in Clärchens Ballhaus, sagt auch mein Cousin.
ANDRES. Ja Mann. Aber sie ist deutsch.
HANDWERKSBURSCH (pfiffig). Milfs sind immer deutsch.
FRANZ (fährt fort). Dafür schieben sie dir direkt den Finger rein.
ANDRES. Bist Du schwul im Gesicht?

5. Szene

Nacht.

HANDWERKSBURSCH. Das Wichtigste bei den Weibern ist, dass sie mir nicht auf die Air Max treten.
ANDRES (nach einer Pause). Ja Mann, Tanzfläche ist mir auch zu gefährlich.
HANDWERKSBURSCH. Was sagt die Uhr?
FRANZ (Zieht großartig und gemessen eine Uhr aus der Tasche). Dreiviertel. Ich hab krass Hunger.
ANDRES. Lass mal zu McDonalds, die Weiber sind eh scheiße (ab).

 

Hola, lieber Zwischenmieter! Ich freue mich, dass Du während meines Praktikums in Barcelona meine Wohnung hütest. Ins Festnetz ist das Telefonieren kostenlos. Ich schlage vor, wir machen das auf Vertrauensbasis, denn ich sehe ja online die Verbindungsübersicht. Der Schlüssel für das Buffet ist weg. Deshalb musst Du die Tür nicht ganz zu machen, wenn Du Dir Teller oder Besteck rausnimmst. Wenn die Tür zu sehr zu ist, kannst Du sie mit einem spitzen Gegenstand einfach aufhebeln. Aber pass bitte auf wegen dem Lack. Wenn man die oberen Fenster hinten- und vorneraus auflässt, hat man einen total schönen Durchzug. Wie am Mittelmeer! Aber wenn sich Wolken am Himmel abzeichnen, wärs cool, wenn Du zu machst. Achtung, die Wasserhähne tropfen, wenn man sie nicht ganz fest zu dreht. Wenn Post kommt von der Uni oder vom BAföG-Amt, dann mach sie bitte umgehend auf und schreib mir, was die geantwortet haben. Lass die übrige Post bitte zu und lege sie einfach auf einen Stapel, sodass sie chronologisch geordnet ist. Falls Du Fleischesser sein solltest: Bitte achte darauf, dass mein Kühlschrank für sowas nicht gedacht ist. Die Nachbarn oben stressen manchmal ein bisschen. Da kannst Du einfach die Polizei rufen. Die wissen schon Bescheid, wenn sie die Nummer sehen. Ansonsten wünsche ich Dir eine total spannende Zeit in Berlin. Seit ich hier hergezogen bin, bin ich echt ein vollkommen anderer Mensch. Ich sage immer, die Stadt hat zwei Gesichter. Eins im Winter, eins im Sommer. Whatever, have fun und ruf mich sofort an, wenn was ist – Mareike

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Überall hören die Sommerpausen auf. Ich hatte in der Zwischenzeit noch etwas zu erledigen, deshalb fängt meine Sommerpause heute erst an, am Bahnhof, Richtung Süden, ein paar Wochen lang.

Der nächste Text erscheint, kurz nachdem ich wieder zurück bin. Nämlich am Sonntag, den 22. September 2013, 09:00 Uhr. Und zwar hier.

Du kommst an und sie wirkt beschäftigt, fast so, als wärst Du unerwartet gekommen; wirkt noch mitten in einer Sache, fast so, als hättest Du nicht fünf Minuten zu spät, sondern zehn zu früh geklingelt; wirkt nicht ganz fixiert auf Dich, fast so, als gäbe es noch andere Dinge, als Dich. Alles anders, als erhofft aber eben nur fast.
Denn dann trittst Du in ihr Zimmer und siehst: das Bett ist schon gemacht. Und Du erkennst, dass Du nicht erst seit Deiner Ankunft Thema bist und erinnerst Dich: wie Du beim letzten Mal Dein Bett bezogen hast. Und Du erinnerst Dich an die Gedanken, die Dir dabei kamen, die Gedanken an sie, erinnerst Dich, an Dich: wie Du vor der Decke stehst, mit den Zipfeln in der Hand, schon drei Stunden, bevor sie kam, erinnerst Dich, wie Du schüttelst und den gerade rechtzeitig getrockneten Bezug riechst und dabei lächelst, denn von Deinem Geruch war auch noch was drin und der ist wichtig, wusstest Du, auf den kommt es ihr an, hat sie geschrieben, Whatsapp, als sie in die U-Bahn stieg bei sich, und dass sie fast nicht mehr warten kann, auf Dich.
An all das erinnerst Du Dich: wenn Du jetzt vor ihrem Bett stehst und die frisch bezogenen Kissen siehst und weißt, dass Du nicht erst seit Du fünf Minuten zu spät geklingelt hast, bei ihr bist, da, nein, drei Stunden vorher schon: als sie Dir ein Bier kalt stellte, zwei Stunden vorher schon: als sie den kleinen Pickel abdeckte, eine Stunde vorher schon: als sie die Playlist sortierte, ganz und gar.

„Schultze, ich brauche zehn heiße Frauen.“
„Herr Ministerialdirigent, Verzeihung, ich fürchte, ich verstehe nicht.“
„Was gibt’s da nicht zu verstehen, Schultze? Besorgen Sie mir einfach zehn heiße Frauen auf mein Zimmer. Blond, braun, rot, schwarz, stopp: vergessen Sie braun. Ich brauche je dreimal schwarz, rot und blond. Neun müssen reichen.“
„Aber Herr Ministerialdirigent. Morgen ist doch der Pressetermin im Adlon. Da müssen Sie fit sein.“
„Wieso aber, Schultze? Also machen Sie einfach dreimal schwarz, dreimal rot und dreimal blond. Hebt den Finger und macht eine Pause. Aber machen Sie bei den Schwarzen nicht so richtig schwarz. Also Hautmäßig. Maximal Mokka, so dass man die Schrift noch lesen kann.“
„Herr Ministerialdirigent …“ Wird unterbrochen.
„Was denn noch, Sie Idiot?“
„Verzeihung, welche Schrift?“
„Keine Ahnung, Schultze. Denken Sie sich was aus. Fuck Politics oder so, Free Tiere, No Atomstrom. Gucken Sie einfach in unser Wahlprogramm, Mann, und schreiben Sie das Gegenteil!“
„Ich verstehe. Aber, Herr Ministerialdirigent, der Pressetermin, Sie müssen fit sein morgen, denken Sie doch an Ihre Kandidatur.“
„Schultze, kümmern Sie sich einfach um die Frauen.“
„Sehr wohl, Herr Ministerialdirigent. Zu wann darf ich die Damen denn auf ihr Zimmer bestellen?“
„Was ist denn das für eine Frage, Schultze. Sobald die Kameras laufen, Sie Idiot!“
„Herr Ministerialdirigent, aber wenn die Videos an die Öffentlichkeit geraten …“ Wird unterbrochen.
„Sind Sie bescheuert, Schultze? Darum geht es doch. Kennen Sie einen Mann mit Macht, der im letzten Jahr nicht von Frauen mit Sprüchen überfallen wurde? Putin, Berlusconi, Strauss-Kahn. Alle haben diese Frauen. Das ist sowas wie ein Markenzeichen. Ein Code. Wir müssen diese Sache mit den Frauen auch machen.“
„Herr Ministerialdirigent …“ Wird unterbrochen.
„Schultze, sobald die Weiber ins Bild rennen, weiß der Wähler, der Typ in der Mitte hat Macht, der ist ein Macher. Sie Idiot. Das ist Psychologie!“

Wenn Du lügst, eine Zigarette genügt Dir, und dann hat sie doch zwei auf Deinem Wohnzimmertisch liegen lassen. Wenn Du den Namen liest und ahnst, das ist wieder einer dieser Widerstandskämpfer, die kurz vor Kriegsende im KZ gestorben sind. Wenn Du Kings of Convenience hörst und bei jedem Lied denkst, das ist das, an das Du immer denken musst. Wenn schwarz auf weiß verschwimmt zu grau. Wenn der Himmel über dem Dach hellblau wird und Dich an Vergangenheit erinnert. Wenn es sich dreht in Deinem Kopf und Du unsicher bist, ob nicht ein Buchstabe fehlt. Wenn Whatsapp wieder abstürzt und Du weißt, da ist eine Nachricht aber Du kannst sie nicht sehen. Wenn Du was schreibst, was Du nicht sagen darfst. Wenn ihr Foto still vor Dir und Dein Fenster in der Sommernacht offen steht. Wenn das Mädchen, das Du als Kind schon kanntest, in die Schweiz fährt, um sich das Leben zu nehmen. Wenn es keine Alternativen mehr gibt. Wenn das Dann keine Rolle mehr spielt.

„Ich habe mit ihm geschlafen.“
„Was, bist Du jetzt schwul oder was?“, meine Freunde lachten und ich erklärte:
„Es heißt das Mädchen, also habe ich mit ihm geschlafen.“

*

Wenn ich vor meinen Kommilitonen von der Fachschaft Germanistik der HU die Gespräche mit meinen Freunden von zu Hause nachspreche, dann sage ich oft, dass die meisten meiner Freunde sicher nicht mehr meine Freunde werden würden, wenn ich sie heute kennenlernte.

Ich benutze diesen Gedanken seit Jahren in Gesprächen, um zugleich von meinen Wurzeln in Zwickau und meinem aktuellen Stand zu erzählen. Und meine Kommilitonen verstehen das. Wir reden dann über die Entwicklung von Menschen und von dem guten Gefühl, das einem die alten Freunde immer noch vermitteln, wenn man sie sieht. Rückkoppelung. Bodenhaftung. Dass man sich bei ihnen wohlfühlt, nicht viel reden und argumentieren muss, sondern auch mal nur fernsehen kann oder kiffen. Dass man ihnen die Doofheit verzeiht und sie einem die oberlehrerhafte Agitation. Dass es gut ist, alte Freunde nicht zu verleugnen und zu ihnen zu stehen.

Aber das tue ich gar nicht. Was wir bei alledem übersehen ist, wie illoyal ich bin. Als ich neulich mal wieder in der Schweinemensa sitzend kokettierte, dass meine alten Freunden heute alle nicht mehr meine Freunde werden würden, fiel es mir auf.

Wir analysierten: Indem ich so etwas sage, stehe ich nicht zu ihnen, sondern erkläre, dass sie stehengeblieben sind und dass nur ich mich weiter entwickelte. Schlimmer noch: ich stelle es auch als einen Akt meiner Großherzigkeit, meiner Toleranz und meiner Offenheit dar, dass wir immer noch befreundet sind. Dass ich mich vor den Kommilitonen schäme für die Freunde, schlug Lena von der Fachschaft Psychologie als Begründung vor und sie hat Recht, es ist wahr. Warum ich die Freunde nicht einfach unerwähnt lasse, fragte Lena. Aber so edel bin ich nicht, gestand ich. Ich schlage zugleich Profit für mich aus dem Zufall, die Freunde zu kennen. Ich rücke sie immer wieder neben mich und in ein schlechtes Licht, nur um mich, meinen Gang nach Berlin und den Aufstieg zu den coolen Menschen noch deutlicher strahlen zu lassen. Und Lena übersetzte: Ich schiebe mich damit nach außen, aus dem Kreis meiner alten Freunde heraus auf die Metaebene unserer gemeinsamen Zeit.

Dass ich mich nicht mehr ihr Freund nennen darf, seit ich nicht mehr unter ihnen bin, sondern nur noch daneben, dass ich nicht mehr wiederkommen darf, habe ich bei meinem letzten Besuch in Zwickau erklärt. Mann was laberst Du und: wer baut, der haut, hat mich Danny dann belehrt.

Ich brauche eure Hilfe! Dieses Blog wird heute ein Jahr alt und zum Jubiläum soll kein Text von mir hier stehen, sondern einer, der seit über einem Jahr in meiner Küche hängt. Ich habe den Text in einer Disko gefunden, die sich in einer flachen Platte hinter dem Rathaus Mitte befindet und an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Der Text hing schwarz und in Times New Roman gedruckt auf einem weißen A4 Blatt an einer braunen Wand in der Nähe der Toilette (der Rest der Erinnerung ist noch diffuser). Ich machte ihn ab und nahm ihn mit und ich hoffe, mit seiner Veröffentlichung hier an den Autor zu kommen, nicht, um sein Freund zu werden oder über Seelenverwandtschaft oder anderen Quatsch zu reden, sondern um das zu machen, worauf es in Literatur ankommt, das, was mir auf diesem Blog im vergangenen Jahr ab und zu passiert ist und mich jedes Mal lächeln machte, das, was mein Schreibgrund ist, ich will: den Autor wissen lassen, dass sein Text krass cool ist und dass ich diesen Text mindestens einmal in der Woche lese, meistens beim Rauchen, und dass ich immer etwas anderes darin finde, weil der Text nicht viel vor-, sondern Raum gibt, dass er zwar nicht von mir ist aber es mir vorkommt, als sei er über mich. Hier ist er, der Text:

 

rumkurven

unerlöst schneller
drehe ich im kreis

falle atemlos zurück
und überrunde mich selbst

wie lange steht die zeit schon still?
weiterrasend

warte ich darauf,
dass es mich endlich aus der kurve trägt

 

Ps.: Ich dachte bis vorgestern, dass das Jahr 56 Kalenderwochen hat. Hat es aber nicht. Es sind nur 52. Ich habe da was verpeilt und das hängt mit einer Eselbrücke zusammen: Ich merke mir schon seit der Kindheit, dass das Jahr 365 Tage hat, indem ich mich daran erinnere, dass der Fernsehturm in Berlin 356 Meter hoch ist. Die letzte Zahl stimmt heute nicht mehr, weil die Antenne verlängert wurde aber dass man die letzten zwei Ziffern vertauschen muss, hat immer ausgereicht, um jedenfalls die Zahl der Tage im Jahr zu behalten. Jedenfalls schloss ich dann, ich weiß nicht wie und seit wann, hiervon auch darauf, dass das Jahr 56 Wochen hat. Erst als ich vorgestern einem Freund davon erzählte, wurde das Missverständnis aufgeklärt. Dieser Dieses-Blog-wird-ein-Jahr-alt-Jubiläumstext kommt deshalb exakt vier Wochen zu spät, sorry, Prost nachträglich, und jetzt: bitte helft mir, ruft einmal laut zum Mithelfen auf und teilt das auf allen möglichen Wegen, damit der Autor von rumkurven endlich an sein Lob kommt. Zur Not noch zwei-, dreimal lesen. Tausend Dank!

Wie lange ich weg sein würde, hatte Max mich am Flughafen Tegel gefragt und ich konnte nur lächeln, nicht nach außen, so dass er es sah, sondern nur nach innen, sodass ihn mein Blick in Ruhe lies in dem Glauben, wir hätten uns in den letzten vier Jahren kennengelernt. Es war der falsche Weg, der nach Deutschland, das ist mir heute klar, aber was ist der richtige? Der zurück nach Astana? Ich war zwei Jahre lang die Vorsitzende der Informatik-Fachschaft an der TU-Berlin. Einmal war mein Gesicht sogar auf dem Titel unseres Unimagazins. Knallrote Lippen und Regelstudienzeit, das gefiel den Verantwortlichen. Meine Freunde und ich, wir tranken Vodka im Puro, kauften Kettchen auf dem Kudamm, standen, rauchten saufend, laut und tanzend und dann verliebten wir uns. Max und ich. Oder so. Einmal im Jahr zum Ausländeramt, einmal im Jahr sagen, dass wir auch vorhaben, zu heiraten, einmal im Jahr ach, sie können aber gut Deutsch, einmal im Jahr Danke-sagen und durchatmen, noch mal verlängert, einmal im Jahr kein Rausschmiss. Und dann bin ich doch gegangen. Zwei Jahre ist das her und in Kasachstan, da machen wir keine langen und kleinen Schritte wie die Deutschen mit Abitur, Studium, erste Liebe, Job, zweite Liebe, zweiter Job und so weiter, nein, in Kasachstan sind die Schritte groß und kurz, Heirat, Baby. Ich hatte Jurij noch als Kind auf einer Hochzeit kennengelernt.
Wie lange ich weg sein würde, wollte er damals am Flughafen in Almaty wissen und als ich zurückkam, sah er immer noch ganz okay aus und seiner Familie, der geht es gut und ich bin auch in dem Alter, also finde ich, und dass er seine Eltern zu uns geholt hat, damit ich tagsüber nicht allein bin, hat er sicher gut gemeint und das Kopftuch, das trage ich nicht, um mich vor anderen Männern zu verstecken, sondern darum, weil wir das hier so machen.
Von der Pergola Richtung Feld kann ich es sehen, das Schütteln der Köpfe meiner Freunde in Berlin, wenn sie von meinem Leben hier erfahren würden und das Schütteln der Köpfe meiner Freunde hier in Kasachstan, wenn sie von der Zeit in Berlin wüssten. Aber was weder die Deutschen noch die Kasachen beim Schütteln ihrer Köpfe sehen, das bin ich.
Wie lange ich weg sein würde, habe ich mich gestern Nacht gefragt. Wohin noch mal zurück?

Also: ich hab den ganzen Tag gepennt. Und abends war ich erst beim Fußballtraining in Spandau und wusste schon, dass ich deshalb zu dem Geburtstag von Thao am Schlesi nicht pünktlich kommen würde aber ich war echt lange nicht mehr beim Fussi und ich wollte Präsenz zeigen, das Problem war nur, dass ich vorher noch eine Seite ausdrucken musste aber beim Drucker war der Druckschlitten blockiert, sodass ich am Ende erst halb acht beim Training war. Aber war alles okay und Rashid hat mich danach mit zum S-Bahnhof genommen und die S-Bahn kam auch gleich, zehn nach zehn war ich bei Thao in der Bar und Hakim sprach mich mit Namen an, ich kannte ihn noch aus der C-Jugend, also: er war damals B-Jugend und gehörte zu den Großen, ich hätte nie gedacht, dass der sich an mich erinnert, ihm gehört jetzt die Bar, ich war so von Spandau nach Kreuzberg? und er so ja, wegen Geld. Ich kannte auf dem Geburtstag dann eigentlich keinen weiter, da waren nur Kiffer mit breitem Grinsen, sone Leute, die so wackeln, wenn sie lachen und die die Schultern dabei hochziehen, mit solchen Leuten kann man ja nicht reden, obwohl das zu wissen natürlich das Gute ist an denen, denn bei anderen Gesprächen bleibt das ja manchmal stundenlang verborgen, dass sie umsonst sind. Ein Mädel mit abrasierten Haaren war ganz geil, die hat mich die ganze Zeit angeguckt aber ich wollte halt auch echt nicht so einen intense talk und was anderes wäre bei der nicht drin gewesen, also bin ich nach ein paar Zigaretten und zwei Bier kurz vor zwölf weiter. Von den fünf Leuten, denen ich geschrieben hatte, antwortete nur Manon, sie war in einer Bar am Görli, also ging ich die Skalitzer runter und dann guck ich in sone Tür rein von sonem Club und da seh ich plötzlich Joao, den hatte ich seit Jahren nicht gesehen und ich ging so rein und war so Hey Joao und dann dreht sich der Typ neben ihm um und das war Holger und ich kam gar nicht klar, die beiden haben gerade ein Brett an die Wand geschraubt und dann sagte Holger, dass das sein neuer Club ist und Joao die Tür macht, dann führte mich Holger noch rum, gab mir ein Bier, das aus Bayern kam, und dann rauchten wir noch, es war gerade halb eins und als wir uns über Körperspannung und Bänderrisse unterhielten rief Manon an und warf mir vor, dass man ja wohl keine dreiviertel Stunde vom Schlesi zum Görli bräuchte, also ging ich weiter und dann hingen wir da in dieser Bar am Görli ab aber die haben bald zugemacht, die lesbische Freundin von Manon war auch da, die ist ganz nett aber die hat nicht besonders viel mit mir geredet. Ich hatte auf Rosi’s dann keinen Bock mehr und dann ging ich zur Sparkasse am Kotti vor, wollte Geld holen fürs Taxi aber dann fiel mir vor dem Automaten stehend ein, dass Isaak neulich sagte, dass er jetzt in einer WG am Kotti wohnt und dann rief ich ihn an und die Bude war genau gegenüber von der Sparkasse, ein Junkie lag auf der Treppe zum ersten Stock und drinnen war der Teppich rausgerissen, Nektarios, den ich vorher noch nicht kannte, fing irgendwann an mit seinem Akkordeon und der Bruder von Isaak, also der kleine, spielte Oboe dazu, Isaak kam am Ende mit Gitarre und Gesang und die anderen und ich, wir schlossen den Kreis um die Kugellampe und ohne Kiffen kommst Du aus soner Nummer ja nie raus und Isaak so: you were here last night, you were driving circles around me und auf einmal funktionierte das nicht mehr mit dem Ablenken und sie war doch wieder da, die Erinnerung an Özlem und ihre behinderten fake-Argumente gestern Nacht und dann war ich froh, dass das Taxigeld schon im Portemonnaie war, hab auf 14 Euro aufgerundet, weil Ümmet siebzig gefahren ist.

Ich will Dir einfach sagen, dass es okay ist. Dass Du dir nicht alles zu Herzen nehmen musst, was die Menschen im Internet sagen. Das sind nur die lauten, die, die wir hören, weil sie schreien. Aber die anderen sind auch da. Die leisen, die bei Dir sind. Du bist nicht allein. Dass man da so reinrutschen kann und dass dem Ganzen eine Idee zugrunde liegt, die mit Schutz, mit Sicherheit, mit Leben und Sorge um die Schwachen zu tun hat, das wissen diese Menschen und das sollst Du wissen. Und dass Du deine Familie ernähren musst, dass man so einfach selbst in Amerika keinen neuen Job mehr findet, das wissen sie auch und das sollst Du wissen. Dass nicht jeder ein Revoluzzer sein kann, dass nicht jeder ausbrechen, seine Frau für eine Idee verlassen, auf seine Heimat, seine Straße, den Mann im Supermarkt, der einen mit Namen anspricht, den Himmel, den man seit der Kindheit kennt, die eigene Sprache einfach verzichten will, das wissen diese Menschen und das sollst Du wissen und deshalb will ich Dir das sagen. Denn Du sollst die Zweifel aufgeben, die Dich quälen, seit dein Kollege alles öffentlich gemacht hat und Du sollst weiterleben aber: wie komme ich an Dich ran? Dein Schreibtisch steht im Verborgenen, hinter einer Tür, vor der ein Computer steht, PRISM prangert auf seiner stählernen Brust und dass ich das richtige Codewort eingeben muss, um reinzudürfen, zu Dir, um ausgedruckt, in eine Akte mit braunem Deckel geheftet Dir vorgelegt zu werden, damit Du mich siehst, von meinen warmen Worten für Dich liest. Aber was soll das Codewort sein, der Türsteher verrät es mir nicht, ich beginne zu tippen, hab unendlich Versuche frei, flüstert seine metallene Stimme mir wireless ins Headset rein:

Anschlag, Ungläubige, Hauptbahnhof, Mujaheddin, Freiheit, Landweg nach Peschawar, Autobombe, Sprengfalle, Israel, Autobus, Kino, weiches Ziel, Düngemittel, Kopfschuss, USA, Atta, Militärstützpunkt in Süddeutschland, U-Bahnhof, Feindesland, Explosion, Attentat, Besatzer, besetztes Palästina, Burger King, Gaddafi und sein Buch, Deine Tür bleibt zu, wie hieß das Buch noch mal, komme nicht drauf, ein letzter Versuch, ich suche in Google nach, dann bei Yahoo, mache die Facebook-App im iPhone auf, starte den Chat und Micha weiß was, schreibt er mir, hat irgendwas mit Islam zu tun: BING, und PRISM springt auf grün.

So einfach? Brauner Deckel, nicht gläsern, nein, gedruckt auf recycletem Papier lieg ich vor Dir, und Du blätterst in mir, gibst, was Du nicht kennst, bei Google Translate ein und bekommst mit, was ich Dir sagen will, seufzt, weil ein Verfahren einzustellen mehr Begründung erfordert, als es auf Wiedervorlage zu legen, holst den Stempel raus, den roten, machst heut früher Schluss und Barbecue zu Haus, rufst Frau und Kinder rein und ihr betet vor dem Mahl, angefasst, Augen zu, Kopf runter, flüstern verboten, nichts soll jemals anders sein.

Anderes Land, andere Zeitzone, quasi gar nicht da, könnte man sagen. Sagt er. Hat er gesagt, irgendwie jedenfalls, als er mir erklärte, dass ich das alles nicht falsch verstehen dürfe, nicht überreagieren solle, aufs Überreagieren ohnehin keinen Anspruch habe, weil wir doch von Anfang an nicht ein einziges Mal über Verbindlichkeit gesprochen haben, Verbindlichkeit nie angesprochen haben, sagte er, Verbindlichkeit nie ausgesprochen haben, dachte ich. Zweieinhalb Jahren lang nicht. Nicht als wir uns monatlich, nicht als wir uns wöchentlich, nicht als wir uns irgendwann fast täglich sahen, sprachen wir sie aus. Aber taten doch so, warf ich ihm vor. Dass Ansprüche, wenn überhaupt, nur eine, nämlich seine Frau und nicht ich stellen dürfe, gab er zurück und dass er deshalb jetzt zu ihr ziehe, Amerika. Deshalb war er sooft da. Ganz viel wurde mir auf einmal klar. Kinder Fragezeichen, vier Antwort. War noch nie drüben. Und zu keiner Zeit bei ihm.

Schauspielerin Hildegard Krekel an Krebs gestorben, las ich letzte Woche und las schon fast woanders weiter, weil ich nicht weiß, wer das ist, dachte ich, und sah dann noch im Augenwinkel Ein Herz und eine Seele da stehen, den Titel dieser Serie, die wir immer sahen, und dann kamen sie mit einem Schlag hervor, aus der Erinnerung, die Bilder von unserem Sofa in Karow, auf dem ich hockte, saß und lag, das Sofa, das erst ausgewechselt wurde, als ich nicht mehr mit meinen Eltern Fernsehen guckte und die Erinnerung wurde stärker: Diether-mit-H Krebs, an einem Krebsleiden gestorben, Krebs-Krebs, ha-ha, haben wir damals auf dem Basketballplatz in Lichtenberg gelacht, als wir noch nicht wussten, was man zu dem Gefühl, das man dann hat, sagt. Schwarz-weiß und später bunt und: Dann sehe ich den Toten beim Leben zu. Mit dem nächsten Blick in die Erinnerung. Sehe mich hocken, sitzen, liegen und zusehen, wie sie über Ekel Alfred lachen, über Ekel Alfred resignieren, über Ekel Alfred schimpfen, mit Ekel Alfred kochen, neben Ekel Alfred Fernsehen gucken und neben Ekel Alfred selbst auf Sofas sitzen, die Toten, schwarz-weiß, später bunt. Erinnerung. Und ich sehe sie leben. Und wie sie spielen. Fernseher an, Best-of-Ekel-Alfred, wieder mal dran, ein neuer Tod, ein neuer Anlass für den Sender, mir noch mehr Bilder von den Toten zu geben, als die Erinnerung das kann, ich gucke genau hin, sehe ein Schmunzeln, das nicht zum Spiel gehört, höre ein Stocken in der Stimme, das nicht rausgeschnitten wurde, sehe sie Fehler machen und lachen. Die Toten. Und dann les ich ihre Namen im Abspann. Von unten nach oben ziehen sie den Fernseher rauf, repeat, lese noch mal nach, die Toten, Wikipedia schreibt mit und nennt das Nekrolog, zählt sie auf, die Toten, schließt die Leben mit einem Bulletpoint ab, das Update schon bereit für den nächsten, wird online gestellt, sobald die Röhre ausgeht, bei Nacht. Und ich schalte wieder an und als wäre es jetzt, sehe ich den Toten noch einmal beim Leben zu aber dieses Gefühl, um das es geht, kommt nur bei denen, die nicht vom Tod überrascht wurden:

Sie spielen da, in den Filmen, alten Filmen, und sie spielen unbefangen von der Gefahr, die in ihnen schlummerte, damals schon, und ich sehe sie schmunzeln, stocken, Fehler machen in dem Schatten, den ihre Körper über sie legen, von Anfang an, der Schatten, den sie nicht sehen, wie man Wolken am Tag oft nicht sieht, weil es trotzdem hell ist und sehe sie nicht wissen, was ich weiß, wenn ich zugucke: Sie lauert in ihnen. Die lange schwere Krankheit ohne Komma getrennt. Nicht auf einmal vom Zufall als Unglück gebracht wird er plötzlich da sein, ihr Tod, nein, er wird aus ihnen kommen, von den Genen geschickt, und Du wirst fast verrückt, schwarz-weiß, dann bunt, spüre ich so etwas wie Schuld daran, sie nicht zu warnen vor dem, was kommt, vor dem, was jetzt gekommen war, spüre so etwas wie Schuld daran, sie nicht zu warnen vor ihren Körpern und der Gefahr, die in ihnen lauert, die Gefahr, die während sie schmunzeln, stocken, Fehler machen sich schon ausbreitet, spüre den Tod in ihrem Lachen, spüre ihn da lauern, mit einem Grinsen vom linken bis zum rechten Mundwinkel, bevor sie sich küssen, vor dem Schlafengehen. Wenn die Folge zu Ende ist.

„Herr Kaminski, bitte.“ Kaminski war aufgeregt. Nach dem Umzug von Köpenick nach Mitte wechselte die zuständige Arbeitsagentur und mit ihr die zuständige Sachbearbeiterin.
„Tach-schön.“ Kaminski trat ein.
„Guten Morgen, Herr Kaminski, setzen Sie sich.“ Die Sachbearbeiterin schien Kaminski wohlgesonnen. „Herr Kaminski, mein Kompliment zunächst. Nicht viele Langzeitarbeitslose trauen sich, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich habe ihren Brief erhalten. Erzählen Sie mal.“
Kaminski räusperte sich. „Also. Ich habe nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker gemacht. Dit war noch zu DDR-Zeiten. Aber da gibt’s heutzutage keine Anstellung mehr. Und da habick mir jetzt jedacht, nimmste dein Schicksal selbst in die Hand und machst dich selbstständé, wa. Ick sag ma Elektroinstallation oder sowat.“
Die Sachbearbeiterin lächelte. „Verstehe, Herr Kaminski. Sie wollen ein Tech-Startup gründen.“
„Ein wat?“
„Da sind Sie bei uns genau an der richtigen Adresse, Herr Kaminski. Die Arbeitsagentur-Berlin-Mitte ist auf Startups spezialisiert.“
Kaminski nickte.
„Also!“ Euphorisch band sich die Sachbearbeiterin die Haare zusammen. Sie nahm ein Blatt zur Hand. „Schauen Sie mich an.“ Die Sachbearbeiterin fokussierte Kaminski. „Scharf?“ Kaminski stockte. „Ich frage nur. Unsere Gutscheine für Hornbrillen sind fast alle. Die gehen unter den Gründern weg wie warme Semmeln.“
Kaminski flüsterte. „Ne danke, allet scharf.“
Die Sachbearbeiterin lehnte sich nach hinten zum Regal. „Hier, Karo-Pullis hat man nie genug.“ Kaminski steckte den Pulli in seinen Eastpak.
„Herr Kaminski, haben Sie sich schon eine Social-Media-Strategie überlegt?“
„Eine Strategie?“
„Ja, Facebook, Twitter. Sind Sie schon dabei?“
„Also …“ Kaminski verschob sein Gewicht von der rechten auf die linke Pobacke. „Waren da auch Formulare in dem Ständer?”
Die Sachbearbeiterin verdrehte die Augen. „Herr Kaminski, ich sehe schon, da fangen wir ganz von vorne an. Aber keine Sorge …“ Sie lächelte mütterlich. „Dafür heißt das ja Startup.“ Kaminski lächelte zurück. „Gleich morgen beginnt unser A1-Kurs WordPress-Bloggen für Late-Adopters.“
„Für wat?“
„Für Sie!“
„Dit is aber nett!“
„Gern, Herr Kaminski. Willkommen in Mitte!“

Geht das auf Kasse? Okay. Hören Sie zu: Ich bin so … kann man das sagen: inkonsistent? Ich glaube, das ist es. Deshalb brauche ich Ihre Hilfe. Ich bin da in irgendwas reingeraten und komme nicht mehr raus. Nicht dass ich das wollte. Das weiß ich gar nicht, ob ich das will, also raus, und zum Wollen gehört ja Wissen und, sehen Sie, da fängt es schon an: Diese schlauen Sätze von mir. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass ich Akzente setze und das baut einen Druck auf. Warten Sie, ich muss das nur kurz twittern. –
Also: Als ich mit meinem roten Iro in den Zeiten der Internetblase anfing, da war alles noch einseitig und klar: Internet-Punk. Booom. Aber das hat sich geändert. Die Dinge sind mehrseitig geworden, multikausal, verstehen Sie? Und dann ist mir die Scheiße irgendwie entglitten, ich komme da nicht mehr hinterher. Mein Straight-in-eine-Richtung-Konzept, also, das passt in dieses veränderte Internet seit Jahren nicht mehr rein und das habe ich begriffen und mich angepasst. Aber nur so halb, nur nach innen, verstehen Sie? Nach außen sieht es immer noch so straight-in-eine-Richtung aus. Auf den ersten Blick, meine ich. Roter Iro. Sehen Sie nicht? Aber sobald man dieses Konzept hinterfragt, sieht man: es geht nicht mehr auf. Und davor habe ich Angst: Stellen Sie sich vor, die Menschen fangen an, mich zu hinterfragen. Inkonsistenz, das nehmen einem die Menschen doch übel, oder? Und ich habe die Fährte ja selbst gelegt: Neulich habe ich die Texte auf meiner Internetseite gelesen. Wissen Sie, wie bescheuert ich mir dabei vorkomme, meine Vita jedes Mal in der dritten Person zu ergänzen? Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Internet auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur.“ Ich bin doch ich und nicht irgendeiner, der mich kennt. Warten Sie, das muss ich kurz twittern. –
Oder das hier, ziehen Sie sich das mal rein, ich habs extra ausgedruckt: „Es ist für mich selbstverständlich, sowohl den Inhalt wie auch den Stil des Vortrags (…) anzupassen.“ Finden Sie das noch punk? Ein Punk biedert sich doch nicht an. Für gewöhnliche Menschen ist das an sich ja okay. Wer was verkaufen will, der muss das an den Mann bringen. Wer sich verkaufen will, der muss sich an den Mann bringen. Das macht jeder so, das muss jeder so machen. Aber ich, ich bin nicht jeder, ich habe die Dinge nie wie jeder gemacht, ich habe sie immer anders gemacht, das war mein USP, immer, ich habe einen roten Iro, Mensch! Dafür sind die Menschen zu mir gekommen. Und nicht ich auf sie zu. Aber dann bin ich älter geworden und, wissen Sie: Der Mensch muss doch von irgendwas leben. Warten Sie, das muss ich kurz … –
Und als Freiberufler, da kommt die Kohle nicht einfach so jeden Monat. Das muss ich Ihnen nicht erklären. Das ist bei Ärzten nicht anders, als wenn man sein Geld mit Vorträgen verdient. Und da musst Du Kompromisse eingehen. Aber das meine ich mit inkonsistent, verstehen Sie? Ich bin nicht Kompromiss. Warten Sie … –
Ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Irgendwann dachte ich, die Krux ist: um diese Kompromisslosigkeit zu verkaufen, musst Du mit dieser Kompromissscheiße für dich werben. Das klingt nach einem Widerspruch und ich dachte, das passt zu mir, Widersprüche sind doch punk. Aber dann hab ich reflektiert: Das war natürlich nur eine Ausrede, um diese Anpassung vor mir selbst zu rechtfertigen. Natürlich könnte ich mich auch einfach zurücklehnen: Telekom, VW. Das sind mittlerweile meine Kunden. Und davon kann ich leben. Aber was mein Gehirn fickt ist, dass hinter diesen ganzen Konzernen irgendwelche Team-Building-HR-Spastis stehen, die sich einfach den lustigen Punk-Affen in die Mitarbeiterversammlung holen. Die benutzen mich. Und in der Afterhour machen sie einen auf Streetcredibility, weil sie es gewagt haben, mich einzuladen. Voll cool, wie der plötzlich einen auf Ernst gemacht hat. Und der Irokesenschnitt, schön! Ich könnte kotzen. Ja, die finanzieren mein Leben. Aber ich hab doch auch was zu sagen.
An diesem ganzen Schlamassel bin ich doch selbst Schuld. Ich bin ein Punk mit Existenzangst. Ja, ich weiß selbst: man kann alles immer auf Angst zurückführen. Das ist Küchenpsychologie, sagen die Kids von der Meta-Ebene. Warten Sie, ich muss das kurz … –
Aber nur weil etwas oft und auch von dummen Menschen gesagt wird, ist es doch nicht per se falsch. Sehen Sie, schon wieder so ein Satz! Warten Sie … –
Neulich dachte ich: Einfach Iro ab! Aber wie soll ich mich dann über Wasser halten? Stellen Sie sich mal vor, die Leute gucken nicht mehr mich an, sondern das, was ich sage. Überlegen Sie mal, einer kriegt mit, dass in meinen Büchern seit zehn Jahren dasselbe steht. Noch krieg ich das hin. Ich hole mir einfach Co-Autoren. Aber was ist, wenn das auffliegt? Es gibt ja schon erste Anzeichen. Meine Followerzahl stagniert seit Monaten. Selbst meine Frau twittert mittlerweile über andere Dinge als mich. Und dann wirst Du schweißgebadet wach, stehst auf, gehst ins Bad, guckst in den Spiegel und siehst: diese Haare! Und alles geht wieder von vorne los. Wie ein Korsett. Ein roter Iro mit 38! Steht da, geht nicht ab, schnürt mir die Luft weg. Aber ich darf mich nicht von ihm trennen. Und dann kam der Zusammenbruch. –
Neulich wache ich auf und es schießt mir durch den Kopf: Was ist, wenn Dir eines Tages die Haare ausfallen? Das kann ich doch nicht ausblenden. Damit muss man sich doch konfrontieren, wenn das ganze Geschäftsmodell an ein paar dünnen, roten Fäden hängt. Und dann saß ich da und habe wieder reflektiert: Ich werde mich absichern. Endgültig. Mit Hand und Fuß. Meine Fake-Identity als Teeny-Modebloggerin habe ich aufgegeben. Die Sachen, die mir die Modefirmen schicken, haben eh nie gepasst und den Scheiß bei eBay zu verticken, das reicht nicht zum Überleben. Auf der re:publica habe ich dem Volk dann den Schulterschluss mit Merkel verkauft. Ich plane da sowas wie einen soften Übergang. Ich werde mich in irgendwas reinwählen lassen. Verstehen Sie? Man muss doch auch an die Zeit nach den Haaren denken. Warten Sie …

Ich war unversehrt
Dann wurde ich geboren
Bald kam die Pockenimpfung und mit ihr die zwei Kreise auf meinem Oberarm
Dann kam das Bein von Sven in meinen Lauf und mit ihm die Narbe auf meinem Knie
Dann kamen die Pickel und mit denen lauter Löcher
Es folgten die Jahre und mit ihnen der Schatten unter den Augen
Dann kamen eine andere Narbe am Bauch und die Enge in der Brust vom Rauchen
Der Belag auf der Stimme vom Saufen
Und dann kam Bosnien
Und wir kamen auf engen Wegen
Und wie wir so fuhren, in Schleifen, die Berge hinauf, sahen wir Steine
Und sahen sie nicht
Und stürzten hinab, in unseren Wägen
Ich kam früher nach Haus, als gedacht
Zwei Beine ab
Ich saß, als ich dich zum ersten Mal da liegen sah
Wurdest in der Zwischenzeit geboren
Da bin ich verwundbar geworden.

Du kaufst dir doch kein iPhone, sondern ein Android, weil das System offen ist.
Und dann nimmst Du weniger Waschmittel, weil die Wäsche ja auch gar nicht so richtig schmutzig wird.
Dann fängst Du an mit Drehtabak, weil das viel echter schmeckt, als Gekaufte.
Du fährst Fahrrad und nicht Bahn, denn das geht in der Stadt viel schneller.
Im Görli wird man auch braun, sagst Du und Surfen in Marokko ist für Spießer.
Second-hand ist cool und originale Chucks sinds nicht.
Dass deine Mitbewohner in den großen Zimmern ständig laut ficken, ist kein Argument mehr gegen eine WG, denn Du magst es, wenn was los ist.
Nach dem Bauen bist Du nicht der, der haut, weil Du nichts dabei hast von dem,
was man zum Bauen braucht, denn das ist ja schädlich, okay, einmal ziehen wird schon gehen.
Wedding ist dein neues Neukölln.
OBEY ist Kommerz.
Drinks schmuggelst Du ins Kater Holzig, weil das ne mega witzige challenge ist.
Du bist ne Jute und your other bag is Chanel.
Hast nur noch Wasser in der Club Mate Flasche, denn … Zucken mit den Schultern und ein Lächeln.
Nimmst eine Pappstiege, weil Plastiktüten die Umwelt verpesten.
Bist nicht verschwenderisch, entscheidest global, ganzheitlich, nachhaltig.
Stimmst für das bedingungslose Grundeinkommen, denn nur dann kann sich der Mensch frei entfalten.
Widersprichst nicht mehr reflexhaft, wenn dich einer auf was einlädt, weil Widersprechen unhöflich ist.
Und beim Spiegel-Lesen im Supermarkt wird dir plötzlich klar, dass du nicht Künstler in Berlin, sondern arm geworden bist.

Und dann sprengt dieser Satz alles in deinem Kopf und es bleibt nur er zurück, weil er das ganze Hickhack zusammenfasst, auf einen Punkt bringt, den Punkt an seinem Ende, und weil Du nicht mehr die Fäden verlierst, wie das beim Denken im Zusammenhang mit Liebe ja immer so ist, nicht nach vorn und nicht zurückspringen musst, weil Du es gar nicht mehr kannst, sondern stehen bleibst, weil dieser Satz es dir endlich erlaubt, durchatmest, weil Du es nach Wochen zum ersten Mal darfst, lachen kannst, weil Du es zum ersten Mal kapierst. Das, was abgeht. Das mit Dir. Das, was der Satz einfach sagt. Das wird ganz schlimm für mich, wenn Du mich mal verlierst.

Und ich hab kapiert, dass ich es sein werde, der geht und der dir, wenn Du nach deiner Flucht vor mir irgendwann zurückkommst, die Tür nicht mehr aufmacht, sondern dahinter steht und weint. Ich hab es verstanden. Der Satz hat es mir erklärt, obwohl er da, wo ich ihn herhabe, gar nicht zu dem gehört, was gesagt werden sollte. Er steht für sich und steht für mich und sagt mir, dass ich es sein werde, der Dich versteht und der dann Schlüsse und dann den Schlussstrich zieht. Mein Schluss, das wirst Du dann sehen, wird endgültig sein, das erkennt der Satz auch, kann es mir immer wieder von ihm erklären lassen. Und Du wirst dir Schuld dafür geben und es mir schreiben und ich werde es lesen und meinen Satz und mich wird jeder deiner vielen Sätze bestätigen darin, dass ich nicht mehr zurückkann zu dir, weil Du mich kaputt machst, weil Du mich verloren hast. Du, deren Kinder ich mich schon Papa rufen hörte.

Danke für den Satz, Lisa Rank.

„Berlin ist die Venture Capital of Europe.“ Theodor unterbrach sich. „Haha, kleiner Scherz von mir. Startupmäßig ist die Stadt natürlich vollkommen overrated.“ Theodor verlor seinen Gewinnerblick für keine Sekunde. Ich lachte mit. „Sorry.“ Theodor lächelte und hielt dem Kellner einen Fünfziger hin. „Prost.“ Theodor knallte sein Bier gegen meines und trank. „Und was machst Du?“ Ich erzählte Theodor von meiner Idee und dass ich die Startup Lounge nutzen wollte, um Leute kennen zu lernen, die mir bei der Umsetzung helfen. „Das ist gut. Seed Camp, Startup-Bootcamp, Hackathon, Next Berlin: Networking ist das A und O.“ Theodor richtete seinen Zeigefinger auf mich. „Alpha bis Omega, sage ich immer.“ Ich nickte. „Aber verschwende Deine Zeit nicht mit den kleinen Fischen. Wir haben jedes Jahr 700 Investments.“ fuhr Theodor fort, „Mit unserer Hilfe sind 100 Gründer zu paper millionairs und zehn zu richtigen geworden.“ Theodor ließ mir eine Lücke, um etwas zu sagen aber ich wusste nicht, was. „Sowas schafft man nicht alleine. Kaum ein Startup hat den richtigen Fokus fürs business. Die Idee ist 30 Prozent des Erfolgs. Deine ist gut. Aber nur wir bringen Dich zu den core issues. Lacking market orientation? Wir orientieren Dein Produkt am Markt. Know your margin! Wir sorgen dafür, dass der Gründer sich nicht zu sehr auf die Technologie konzentriert. Cost base too high? Wir senken Kosten and build your team. Wir haben Schulungsvideos im Internet. Auf Englisch!“ Theodor unterbrach sich, nahm einen Schluck von seinem Bier und ich gab zu, dass mein Englisch nicht besonders gut ist. „Mein advice for you ist: do it anyway. Do it with us. Sicher, es gibt auch andere VCs. Sitar Teli zeigt Dir, how to play the VC game.“ Theodor zog ein Blatt Papier hervor. „Wir zeigen Dir, wie Du es gewinnst. Aber: wenn Du was von uns haben willst, dann musst Du uns auch was geben. Input drives the output. 50 Euro monatlich für iDB, unsere exklusive Info-Data-Base inklusive Newsletter, ist quasi nichts.“ Theodor zog den Montblanc Füller mit blauer Tinte aus dem Montblanc Etui mit weißem Stern. „Einfach hier unterschreiben. Das kannst Du quasi als Geschenk von uns betrachten.“ Ich nahm einen Schluck von meinem Bier und zündete mir eine Zigarette an. Was heißt eigentlich Venture?

Es lag nicht an der Packung Tageslinsen, die auf dem Waschbeckenrand lag. Es lag nicht an der Farbe der Kondompackung, die sie im Papiermüll zwischen den Zeitungen leuchten sah. Es lag nicht an der Haarspange unter dem Kleidersack, nicht an dem Haar auf ihrem Küchenstuhl, nicht daran, dass er das Handy nicht mehr auf dem Tisch liegen ließ, es lag nicht daran, dass er frisch geduscht war mitten am Nachmittag, es lag allein an seinem Blick. Der wich ihrem aus. Da hat sie es gewusst.

Die Schlange war so lang, sie reichte bis zum Eingang. Die Schlange stand. Und in ihrer Mitte begann ein Gespräch über Kunst.

„Ist das Lady Gaga?“
„Ja, Acryl und Aquarellmix. Diese Technik habe ich selbst entwickelt.“
„Was machen die eigentlich mit unseren Bildern?“
„Die verkaufen die Bilder auf dem Schwarzmarkt. Und dann bringen sie das Geld zur Bank und die parkt das auf …, wie heißt das, na, hier, der Schäuble nennt das immer Schlupfloch.“
„Ja, ich weiß schon. Um rauszufinden, wo das Geld hinfließt, brauchst Du schon einen ganzen Geheimdienst.“
„Wie der BND hier vorne an der Chausseestraße.“
„Die sind ja immer noch nicht fertig, weil die Pläne geleakt wurden. Jetzt müssen die alles neu bauen.“
„So, wie beim Flughafen.“
„Genau. Desaster. Das muss man sich mal vorstellen. Da hängen ja auch Arbeitsplätze dran.“
„Ich war selber mal eine Weile lang arbeitslos.“
„Ein Bekannter von mir auch. Der musste dann zum Arbeitsamt nach Lichtenberg oder so. Das sah aus da, sagt er. Mit Paternoster und so. Direkt wie bei der Stasi. Und das hat man bei den Mitarbeitern auch gemerkt.“
„Mich haben die damals erst mal eine Stunde warten lassen.“
„Da können Sie sich sicher sein, da stecken noch ganz viele von der Stasi drin. Das sind genau diese Methoden. Aushungern lassen.“

Die Schlange bewegte sich ein Stück nach vorn.

„Der Fischer hat aber auch abgenommen.“
„Als der noch Außenminister war, hat der direkt bei mir im Kiez gewohnt. Der ist dann auch immer in meinem Supermarkt einkaufen gewesen. Der hat massiv abgebaut.“
„Naja, schlecht wird’s dem nicht gehen.“
„Wer sich einen Steuerberater leisten kann, dem geht’s nicht schlecht. Heutzutage. Deshalb geht’s den Banken ja auch so gut. Die haben da zig von. Außerdem haben die so viele Tochterfirmen oder wie das heißt in dem Jargon von den Unternehmern. Da sieht einer alleine gar nicht mehr durch. Verbrecher.“
„Ja, gut. Aber das ist auch deren Job. Wenn der Staat das nicht unterbindet, dann ist er ja schuld.“
„Wir sind der Staat.“
„Das sag ich auch.“
„Aber leider nicht der einzige. Amerika, China, Russland. Die haben ja alle auch Computer. Und die hacken sich da ein und dann holen sie sich die ganzen Daten raus.“
„Ja, und dann stellen sie Fahrzeuge her, die sehen aus, wie unsere. Die Chinesen!“
„Die Chinesen! Die muss man im Auge behalten. Amerika ist verschuldet, Europa ist verschuldet. Aber die Chinesen haben Geld. Und wer Geld hat, der kann bestimmen.“
„Bestimmen ist so scheiße. Deshalb hab ich mich als Fotograf selbstständig gemacht.“
„Was fotografieren Sie?“
„Ich mache Portraitfotografie, Werbung, Image, Schauspieler. Ich hab Christian Friedel fotografiert, den kennt man aus Das Weiße Band, aber auch viele, die sind noch nicht so bekannt. Ich bin auch erst so seit zwei, drei Jahren dabei. Schauspieler sind schwer.“
„Ich habe neulich gelesen, dass die Tochter von dem Joop jetzt auch Schauspielerin ist.“
„Der hat zwei.“
„Henriette.“
„Die ist ganz schlecht.“

Die Schlange bewegte sich ein Stück nach vorn.

„Aber die Florentine.“
„Die ist was Besonderes.“
„Bei diesem Vater.“
„Ich kenne den! Ein Freund von mir hat seine Wohnung gestaltet. Aber Joop ist ja nicht gut. Der hat halt eine gute PR-Strategie. Anders der Lagerfeld. Das Wunderkind.“
„Der ist doch gaga.“
„Dann haben er und die Aktion hier ja was gemeinsam.“

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
Nicht die erste große Liebe, nein, die vierte zog mir gerade die Beine weg
Schwach geworden
Blieb ich auf dem jump seat sitzen
Noch mal los
Wieder nicht angekommen.

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
In einem fremden Land der einzige, beim zehnten Mal nicht mehr so schlimm
Und ganz ohne Kulturschock krieg ichs hin
Beim Geburtstag noch an den letzten erinnern, oder wars der davor, ich komme durcheinander
Kommt man ja
Sehe den Himmel über Amerika
Und erkenne mal wieder, ja, er ist anders hier, als drüben
Aber noch bevor ich den Gedanken benenne, ist das Taxi da, das ich mittlerweile bezahlen kann
Zum Hotel bitte, ja, und zwar in das, in dem ich nicht mehr darüber staune, dass ich seit irgendwann mit Respekt behandelt und dann gesiezt und dann mit Doktor angesprochen wurde
Das Hotel, in dem ich irgendwann erkannte:
Ich bin alt genug geworden, um junger Mann genannt zu werden.

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
Ich bin nicht mehr auf dem Weg, erwachsen zu werden, nein, bins längst geworden
Unbemerkt, vom Schein, den das Leben um mich auf mich wirft beim Sein
Während das noch läuft, alles, irgendwie funky fresh den Kalender entlang
Ohne Klang, den man hören könnte, der einen aufhorchen lassen würde, auf das Ende zu, mit Gesang, und mit Wein zum x-ten Mal ohne Überraschung nun
Und dafür mit Routine, fuck, ist zu Ende
In dem Moment, in dem man begreift, nein
Man begreift, wenn es zu Ende ist, ich greife vor, hoffe ich, denn sonst wäre jetzt Schluss
Könnte ich auch machen
Gestalten
Wie man das mit dem Leben machen soll, nein muss
Mit einem Schuss, irgendwo
Hotel in Amerika, wo keiner bei einem Knall erschrickt, wär ich weg
Oder so
Aber dafür fehlt mir der Mut, nicht zum ersten Mal
Lege mir ein Argument zu Recht, das, und den Grund
Drück nicht ab, sondern auf repeat, spiel noch mal mit, noch mal weiter, rewind, re-rewind, neues Glück, auf in die Heimat, ab nach Berlin zurück.

Der CEO nickte. Dass er sich von nun an nicht mehr Geschäftsführer nennen solle war ein Vorschlag, den er gerne annahm. Nur ein Idiot würde sich den gesellschaftlichen und globalen Entwicklungen verschließen, die ihm der Consultant gerade in einem eindeutigen Chart visualisiert hatte.

„Kommen wir zu den Rauchern: Durchschnittlich fünf Zigaretten pro Tag und Raucher a sieben Minuten zugrunde gelegt, kommen Sie mit der Zeit für das An- und das Ausziehen der Jacke, der Wartezeit für den Aufzug, einmal hoch und einmal runter, und der Gewöhnungsphase von mindestens einer Minute vor dem Computer bei nach unserer Erhebung 14 offiziellen Rauchern, wobei mit einer Dunkelziffer von wenigstens plus zwei Gelegenheitsrauchern zu rechnen ist, auf 196 Minuten zusätzlicher Pausen pro Tag, das sind 16,3 Arbeitsstunden pro Woche und das macht 13.067 verlorene Euro pro Monat. Und davon haben Sie nichts.“

Der CEO schärfte seinen Blick. Die Raucher waren ihm seit Langem ein Dorn im Auge.

„Unser Psychologe PD Dr. Pfeiffer, eine ausgewiesene Instanz auf seinem Gebiet, ist zudem der Auffassung, dass Ihr Controller, Herr Müller, mit der Leiterin der Poststelle, Frau Müller, in einem persönlichen Näheverhältnis steht.“

Der CEO nickte.

„Reden wir über Schultze. Sie erkennen die innere Opposition dieses Mitarbeiters zum Beispiel daran, dass er sein Pad immer in der Kaffeemaschine lässt. Sie müssen sich das übersetzen: Das bedeutet, dass es Schultze egal ist, wer nach ihm kommt und dass derjenige dann den Einschub von Schultzes Pad befreien, wenn das Pad eingetrocknet ist, gar laut ausklopfen muss, also gezwungen ist, Lärm zu machen und sich selbst in eine den anderen Mitarbeitern gegenüber wenigstens störende Position zu versetzen, all das, diese Selbst-Erniedrigung und die dabei empfundene Scham des Mitarbeiters nach sich, nimmt Schultze in Kauf. Sowas kriegen Sie mit Team-Building-Maßnahmen nicht mehr hin.“

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, ging es dem CEO durch den Kopf.

„Außerdem müssen Sie bei den Ossis aufpassen. Die sollten Sie auseinandersetzen. Die sind enorm anfällig für Grüppchenbildung, schon im Allgemeinen. Aber Ihre im Speziellen.“

„Ossis, verstehe.“ Der CEO notierte.

„Schließlich haben wir uns Ihre Weihnachtsfeiern angesehen. Der Standort Berlin ist der absolute USP für ihr Produkt. Dabei geht’s nicht um Berlin. Es geht um das, was die Menschen in der Welt unter Berlin verstehen, was sie damit verbinden, es geht um Träume, Ideen. Und das muss sich in der internen Mitarbeiterkommunikation abbilden. Da kann man nicht zum Bowling nach Rudow fahren. Sie brauchen Soho House, 40Seconds, Tempelhofer Flughafen.“

„Und die Kosten?“, der CEO rümpfte die Nase.

„Die Kosten dürfen da keine Rolle spielen. Wenn Sie das volle Markenpotential der Neuköllner Blutwurst als Lifestyle-Produkt ausschöpfen und monetarisieren wollen, dann dürfen Ihnen solche Fehler nicht mehr passieren!“

Die Eheleute Detlef und Anne wollten zusammen mit ihrer Tochter Nina in den Sommerurlaub fahren. Da traf es sich gut, dass es im Reisebüro ein Sonderangebot gab: 50% für Familien. Familien im Sinne der Anzeige seien aber nur solche, die zwei Kinder haben, erläuterte die Mitarbeiterin. Aber das war kein Problem. Denn die Mitarbeiterin und Anne kannten sich aus der Kindheit, die sie gemeinsam in Spandau verbrachten, wo sich diese unglückliche Geschichte zutrug. Anne schlug vor, einfach ein zweites Kind in das Buchungsformular aufzunehmen: Paul, männlich, sieben Jahre alt. Die Mitarbeiterin nickte. Beide lachten.

*

Beim Check-In gaben Detlef und Anne an, dass Paul krank und bei der Oma geblieben sei. Anne war etwas mulmig.
Als sie wieder nach Hause zurückkamen stand das Jugendamt vor der Tür. Man habe einen Hinweis erhalten. Wo Paul sei, wollte die Frau wissen und wo er geboren wurde. Denn im Geburtenregister sei er nicht zu finden. Und Detlef und Anne waren unsicher, was zu sagen war, aber sie versicherten der Frau, dass es Paul gut gehe und die Frau notierte das und ging, denn sie hatte noch viele andere Fälle.
Als Paul auf das Gymnasium hätte gehen müssen, kam ein Brief. Detlef war in der Zwischenzeit zum Richter auf Lebenszeit ernannt worden. Anne hatte eine feste Stelle im Bezirksamt, Nina stand kurz vor dem Abitur. Der Brief kam von der GEZ. Ob wegen Paul, der nun Jugendlicher ist, weitere gebührenpflichtige Geräte hinzugekommen wären. Das wollte sich Detlef nicht gefallen lassen und deshalb schrieb er der GEZ und erklärte, dass es Paul gar nicht gab. Anne sah aus dem Fenster.

*

Wo ihr Bruder Paul sei, fragte der Kommissar mit Nachdruck in der Stimme, als Nina ihm die Tür öffnete. Welcher Bruder und dass sie das nicht wisse, antwortete Nina. Dass sie ihm alles sagen könne und es okay sei, erklärte dann der Kommissar. Da begann Nina zu weinen und hörte nicht mehr auf, bis Detlef aus dem Gericht kam. Und auch Detlef weinte daraufhin und als er Anne den Grund dafür nannte, wurde Anne schwindelig.
Am Sonnabend darauf kam der Staatsanwalt. Totschlag, Kindesentführung u.a. stand auf dem Zettel. Herr Richter, Sie wissen selbst am besten, dass wir bei dieser Verdachtslage gezwungen sind, zu ermitteln. Und Detlef schrie durch den Flur. Dass Paul nie da gewesen, dass das alles Quatsch sei, dass es Paul nicht gebe und Paul nur eine fixe Idee seiner Frau gewesen sei. Da schmunzelte Anne und summte ein Lied.
„Erinnerst Du dich?“, Anne griff nach Detlefs Hand. „Das mochte Paul am liebsten.“

Komödie
in drei Aufzügen

In moderner Übersetzung
von Ch. Knappe

ERSTER AUFZUG

Mendelssohn-Bartholdy-Park

BÉLINE (tritt als letzte in den Waggon). Wo geht ihr jetzt, hey, wo geht ihr?
ANGÉLIQUE. Wo steigen wir jetzt aus?
LOUISON. Zoologischer.
CLÉANTE. Wo gehen wir dann?
BÉLINE. Ich geh schon Nollendorf.
ANGÉLIQUE. Wieso?
BÉLINE. Na ich geh zu den.
LOUISON (bewegt die Lippen, als spräche sie). Wieso?
BÉLINE. Na ich geh nicht zu den nach Haus, nur mit.
ANGÉLIQUE. Wer ist er überhaupt?
BÉLINE . Ist doch egal. (Béline steht auf.)
CLÉANTE. Geh ma, geh ma.
BÉLINE. Tschüß, wir sehen uns morgen. (ab.)
ANGÉLIQUE. Geh ma.
BÉLINE (ruft hinter der Szene). Laba.

ZWEITER AUFZUG

Nollendorfplatz

ANGÉLIQUE. Wo seid ihr morgen?
CLÉANTE. Ich geh Schule.
BÉLINE. Haha.
ANGÉLIQUE (blickt sie schmachtenden Auges an und sagt verständnisinnig zu ihr). Bist Du behindert? Morgen ist Opferfest.
BÉLINE. Nein Freitag.
ANGÉLIQUE. Nein Donnerstag.
CLÉANTE. Ist doch egal.
ANGÉLIQUE (spottet sie aus). Haha stimmt. Na geh ma. Bist eh kein Moslem.
CLÉANTE. Nein, dann komm isch nicht. Was soll ich alleine machen in Schule? (ab.)

DRITTER AUFZUG

Deutsche Oper

ANGÉLIQUE. Also sie ham so ein Haus, weißt Du? Und ich sag so zu mein Cousin, sie kann doch voll mit den Arbeiter dort rum machen, wenn er die Sachen nicht selbst installiert.
BÉLINE (unterbricht sie). Walla?
ANGÉLIQUE. Walla. Und sie ist sowieso komisch, guck, mit 20 will sie heiraten. (holt das Handy hervor.)
BÉLINE. Ja, wann willst Du sonst heiraten. Mit 32 oder was? (Geigenspiel ertönt.)
ANGÉLIQUE. Guck, sie macht voll Zigeunerhochzeit. (wischt von rechts nach links auf dem Touchdisplay.)
BÉLINE. Mach noch mal andere Foto.
ANGÉLIQUE (packt sie am Arm). Man ist sie hässlich.
BÉLINE. Ja aber Bildschirm ist auch schlecht. (Die Geigen spielen weiter.)
ANGÉLIQUE (höhnisch). Wo ist dein iPhone?
BÉLINE. Meiner? Is in Werkstatt, is hinten voll kaputt.
ANGÉLIQUE. Ich hab jetzt neuen. Aber ist alles auf Chinesisch, ey voll behindert.
BÉLINE (leise). Gehst Du einfach zum Türken. Er macht dir alles auf Deutsch.

Neulich gab es die #Aufschrei-Debatte. Die nahm man hier und da zum Anlass, mal ganz grundsätzlich über das Verhältnis von Männern und Frauen nachzudenken. In ihrem Beitrag in der FAZ schloss die (total tolle) Publizistin und Moderatorin Tina Mendelsohn, dass es um nicht weniger gehe als „einen großen kulturellen Wandel, um ein zivilisatorisches Projekt“. Die SPD-Fraktion im Bundestag meint auf ihrer Facebook-Seite, „handfeste Konsequenzen“ haben nun zu folgen. Der Ex-Familienminister Heiner Geißler forderte bei Anne Will gar, „Männer müssen sich ändern“. Und etwas weniger fundamental fand die aktuelle Familienministerin Christina Schröder (CDU), sexuelle Belästigung solle unabhängig vom Einzelfall als Dauerthema diskutiert werden (Focus). Es genügt bereits, die Mindestforderung Schröders heranzuziehen, um zu erkennen: der #Aufschrei ist verhallt. Die TAZ fasst – einem Nachruf gleich – bereits die Bewältigungsmechanismen der verschiedenen Lager zusammen. Aber nicht nur in der Peripherie, nein, auch an der Quelle von #Aufschrei ist es ruhig geworden: Wer jetzt nach #Aufschrei bei Twitter sucht, erkennt auf den ersten Blick: es wird nur noch Spaß gemacht (Zitat: „Warum gibt es keine Gummibärchen-Schlumpfine? #Aufschrei #Diskriminierung“.

Nun: man könnte gegen die Relevanz dieser Beobachtung einwenden, dass Debatten nie weiter geführt werden, wenn die erste Aufregung zu Ende ist. Organspendenskandal. Noch im Bild? Machtergreifung-re-rewind von Putin. War da nicht was mit Verfassungsänderung? Dass Debatten wie diese nach nie mehr als ein paar Wochen enden, gehört wohl zur politischen Diskussionskultur dazu.

#Aufschrei aber unterschied sich von diesen Debatten. #Aufschrei waren Sprache und Lautsein nicht nur durch den Namen immanent. Es ging von Anfang an nicht nur darum, etwas vorübergehend anzuprangern. Es herrschte vielmehr schon nach Stunden in der politischen Öffentlichkeit und in der Presse ein Bewusstsein dafür vor, dass diskutiert und gehandelt werden müsse. Der #Aufschrei sollte, wie die Zitate zeigen, aus den Niederungen der Aufregung um Hotelbarsprüche emporgehoben werden, hinauf zu einem der edelsten unserer Grundsätze: dem von der Gleichbehandlung von Mann und Frau. Systematisch sollte von nun an über Gleichberechtigung gestritten werden und zwar so, dass sich was ändert.

Deshalb ist das Schweigen von Politik und Presse nach #Aufschrei besonders schamlos. Sie, die Helfer derjenigen, die sich auf Twitter offenbarten, sind wieder weg. Und die Lücke, die sie lassen, legt die Gleichgültigkeit der politischen Diskussion nach #Aufschrei umso deutlicher bloß. Fressehalten: geht gar nicht. Und wenns unbedingt sein muss, dann bitte konsequent von Anfang an. Anderenfalls: weitermachen.